Der nachfolgende Text wurde am 13. Dezember 2009 auf der Demonstration des Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten in Hamburg verteilt und kann hier als PDF gelesen werden

Scheiß Magdeburg!

Wenn Antisemiten in Hamburg ihren Wahn in die Praxis übersetzen, dann demonstriert das linke Deutschland nicht gegen Antisemitismus, sondern gegen Filmzensur. Anstatt den Judenfeinden entschlossen entgegenzutreten, setzt man den Zionismus in Anführungszeichen und verhält sich kritisch zu Israel.

„Begrabt Euer Hirn an der Mündung der Elbe!“
Ernst Thälmann an Walter Benjamin, 12. August 1931

Bis vor kurzem dachte man noch, der Rote Sturm würde nur in Magdeburg aufziehen, um vermeintliche zionistische Propagandaveranstaltungen zu verhindern. Seit dem 25. Oktober 2009 ist bekannt, dass so etwas auch in Hamburg möglich ist: Die Hansestadt stellt sich als ein etwas zu groß geratenes Magdeburg dar. Hier wie dort gibt es jenes unappetitliche Zusammenwirken von gesellschaftlicher Mehrheit und linker Avantgarde: Während sich der ostzonale Modernisierungsverlierer in Magdeburg mit seinem links- oder rechtsautonomen Sohn in der Feindschaft gegen Besserwessis, imperialistische Fremdherrschaft und soziale Kälte einig ist, stimmt der Zeit-Leser in Hamburg seiner Kettcar- und Tocotronichörenden Tochter zu, wenn diese Bildungsraub, Kriegstreiber und „differentialistischen Rassismus“ verdammt.

Hier wie dort können antisemitische Schläger munter zur Tat schreiten, ohne dass jemand – weder der grüne Lokalpolitiker noch der Alternativbibliothekar – mehr zu beanstanden hätte als die Anwendung von Gewalt und Zensur. Tatsächlich haben die Schläger vom 25. Oktober nichts anderes getan, als die Konsequenzen, die in der Israelkritik sowohl der Bundesregierung als auch der Klientel der Schanzenbuchhandlung angelegt sind, zu ziehen. Darüber hinaus hat die Hamburger Hamas-Jugend zu ihrer und aller Schande auch noch die Sprachcodes der „kritischen Solidarität mit Israel“ (Joschka Fischer) verletzt: Wo Heiner Geißler, Hermann Gremliza und der Häuptling der Roten Flora verdruckst vom „anderen Israel“ sprechen, redet der AK Antisemitismus in der B5 ganz unverblümt von einem „rassistischen Projekt“, der „künstlichen Wahrung“ des jüdischen Charakters sowie der„Kolonialkultur“ Israels.

Um das Betriebsgeheimnis des geläuterten Deutschland zu wahren, wird von der bundesweiten Einheitsfront für die „Programmfreiheit Hamburger Kulturschaffender“ (Aufruf „Es darf keine antisemitische Filmzensur in Hamburg geben!“) suggeriert: Die Kellerkinder aus der Brigittenstraße sind – abgesehen von den notorischen Neonazis – die einzigen Antisemiten im Land von Ökostrom und interkulturellem Dialog. Und so trifft sich das Milieu der Antisemitismusexperten mit dem antinationalen Unterschriftenkartell, die Lumpen- Intelligenzia vom Millerntor mit dem antisexistischen Tofuliebhaber und der Restbestand des Kommunistischen Bundes mit dem Parteinachwuchs der einstigen Sozialfaschisten kurz vor Weihnachten zur Familienzusammenführung – Micha Brumlik koaliert mit der Frankfurter Gruppe Morgenthau, die den Professor aufgrund seiner Begeisterung für Avraham Burgs Tinnef kurz zuvor noch zu Recht bloßgestellt hatte, Thomas Schmidinger mit der Antispeziesistischen Offensive Göttingen, die Antideutsche Gruppe Hamburg mit Petra Pau und Cem Özdemir mit der anarchistischen FAU.

Bei so viel guter Stimmung wollten die B5, die Sozialistische Linke Hamburg (SoL) und die adornierenden Tierentführer von der Tierrechtsaktion Nord (TAN) offenbar nicht abseits stehen. Aus diesem Grund verfassten sie mehrere Stellungnahmen, die als Anträge gelesen werden können, die heutige Demonstration – heimliches Motto: „Abweichler unmöglich machen, gerade von links!“ – auch unterstützen zu dürfen:
● Auch sie „als bewusste Linke“ haben selbstverständlich etwas gegen Antisemitismus.
● Auch sie wollen Claude Lanzmanns Film Warum Israel „kritisch gewürdigt“ wissen – den Film also letztlich als Film „zu“ Israel und nicht als Film„für“ Israel zeigen.
● Auch sie sprechen sich, ähnlich wie Kloke, Korte, Küntzel et al., gegen„Kulturzensur jüdischer Werke“ aus.
● Und auch sie würdigen Lanzmanns Kampf in der Résistance und wissen ihn nicht zuletzt als Regisseur des „immens wichtigen Beitrags zur Erinnerung“, „dem Monumentalwerk ‚Shoah’“ (O-Ton Gruppe Kritikmaximierung), zu schätzen.

Über alles andere scheint man in Hamburg offensichtlich reden zu können. Aber obwohl sich die linken Schmuddelkinder so viel Mühe gegeben haben, hat es doch nicht zu einer konzertierten Aktion gereicht. Herausgekommen ist nur eine Arbeitsteilung: Die Gemeinschaft der Guten demonstriert für die Freiheit der Kunst– „in Hamburg“! –; der antisemitische Kleinkunstklüngel liefert dazu das entsprechende Straßentheater.

Zur Ehrenrettung von Magdeburg sei gesagt: Dort gab es im Unterschied zu Hamburg noch einige Leute, die es nach den Überfällen auf eine proisraelische Veranstaltung im Juli 2007 nicht beim linken Selbstgespräch belassen wollten; dort gab es Leute, die ernsthafte Konsequenzen zogen. 200 Kilometer flussabwärts hingegen gaben sogar klügere Köpfe das von sich, was bisher nur von kleinstädtischen Linkspartei-Bürgermeistern in Ostdeutschland zu hören war, deren Orte wieder mal durch das obligatorische Volksfest-Pogrom aufgefallen waren: Wer nicht ortsansässig ist, habe höchstens ein Anrecht auf „konstruktive Kritik“ – insbesondere dann, wenn sie, wie man in Magdeburg zu sagen pflegt, von „Metropolenspastis“ aus der Hauptstadt kommt.

In diesem Sinn: Magdeburg unmöglich machen – auch in Hamburg!

ag no tears for krauts Halle, 12/2009

 

Antifaschistische Hochschultage 2009

Mittwoch, 21. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Über das Verhältnis von Theorie und Praxis.
Vortrag und Diskussion mit Lars Quadfasel

Mittwoch, 28. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Vortrag zur Neonazi-Szene in Halle

Mittwoch, 4. November 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
What’s left? Zu Geschichte und Verfall der Linken
Vortrag und Diskussion mit Jan Gerber

 

Mittwoch, 21. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Über das Verhältnis von Theorie und Praxis
Vortrag und Diskussion mit Lars Quadfasel


Ohne „kreative Aktionen“ scheint aktuell kein politischer Protest mehr auszukommen. Studenten tragen bundesweit symbolisch die Bildung zu Grabe. Europäische Milchbauern versprühen öffentlichkeitswirksam ihr Haupterzeugnis, um dem Staat höhere Subventionen abzuringen. Ökobewegte Heimatschützer überbieten sich jährlich mit infantilen Protestaktionen gegen Truppenübungsplätze, Atommüllendlager und Autobahnerweiterungen. Und nicht zuletzt wollen linke Aktivisten ihre vermeintliche Opposition gegen die Verhältnisse damit zum Ausdruck bringen, indem sie beispielsweise – wie unlängst im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg geschehen – als „Teenage Mutant Ninja Turtles“ gegen die Sanierung maroder Stadtbezirke auf die Straße gehen.
So unterschiedlich die Motive der hier Genannten auf den ersten Blick auch seien mögen, so eint sie doch ein wesentlicher Punkt. Sie alle betreiben eine Fetischisierung politischer Praxis und üben sich in blindem Aktionismus. Wer nicht mitmacht, noch zögert oder gar Kritik übt, die über taktische und verbessernde Vorschläge hinausgeht, wird reflexhaft als Nestbeschmutzer und Spalter denunziert. Theorie wird entweder sofort verworfen, indem lautstark „Taten statt Worte“ gefordert werden. Oder ihr wird die Aufgabe zuteil, konkrete Handlungsanleitungen für die politische Praxis zu liefern. Das äußert sich nicht zuletzt darin, dass jeder Kritik die fast schon obligatorische Frage nach dem „Was tun?“ folgt. Statt zu versuchen, den kritischen Gedanken nachzuvollziehen, degradiert man Theorie zur autoritären Gebrauchsanweisung der jeweiligen politischen Betätigung.
Der weit verbreiteten Theoriefeindschaft ist die Theorie als Kritik entgegenzustellen: Eine der Wahrheit verpflichtete Kritik, die sich nicht, wie im Wissenschaftsbetrieb üblich, auf einen praktischen Nutzeffekt reduzieren lässt und damit die bestehenden Verhältnisse affirmativ verlängert. Eine Kritik, die sich durch ein Denken auszeichnet, welches sich weigert, das jeweils Gegebene passiv hinzunehmen und allein deshalb bereits eine Form von Praxis darstellt. In Gegnerschaft zum blinden Aktionismus gilt es mit Theodor W. Adorno darauf zu beharren, „daß das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren ist“.
Lars Quadfasel ist Mitglied der Hamburger Studienbibliothek und Autor u.a. für „Jungle World“ und „extrablatt“.

 

Mittwoch, 28. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Vortrag zur Neonazi-Szene in Halle

Am 17. Juni 2009 demonstrierten knapp 200 Neonazis in der Nähe des hallischen Hauptbahnhofs. Aufgerufen hatten die „Jungen Nationaldemokraten Sachsen-Anhalt“, die mit dem Mauerfall wiederum einen historischen Bezug nutzen, um am 7. November zum zweiten Mal in diesem Jahr aufzumarschieren. Die Veranstalter sind jedoch nicht die einzigen aktiven Neonazis in der Saalestadt. Während die Jugendorganisation der NPD unter der Führung von Michael Schäfer nicht nur durch Demonstrationen die Jugendlichen für einen Systemumsturz zu mobilisieren will, versucht deren „Mutterpartei“ kommunalpolitisch Fuß zu fassen. Mit Schulungen und gemeinsamen Wanderfahrten soll die Szene gefestigt werden. Der Erfolg ist derzeit jedoch eher mäßig. Die sogenannte „Volksfront“, mit der die Neonazi-Szene ihre Streitigkeiten untereinander für das gemeinsame Ziel beilegen sollte, existiert nicht mehr. Die Szene ist zersplittert und in Abgrenzung zum parlamentarischen Weg der NPD versuchen sich auch in Halle sogenannte „freien Kräfte“ vor allem aktionistisch in autonomer Systemopposition. Und auch lifestyle-orientierte Strukturen wie „Thor-Steinar“-Geschäfte oder Tattoo-Studios spielen organisationsübergreifend eine Rolle bei der Rekrutierung des rechten Potentials.

 

Mittwoch, 4. November 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

What’s left? Zu Geschichte und Verfall der Linken
Vortrag und Diskussion mit Jan Gerber


Die Zumutungen, die heute in der Jungen Welt stehen oder bei den Vereinstreffen der einschlägigen Linksparteien geboten werden, sind von Anfang an, seit sich Robespierre und Co. in der französischen Nationalversammlung auf der linken Seite des Kammerpräsidenten niederließen, im Konzept der Linken angelegt. Insofern ist es möglich, die Geschichte der Linken als eine Entfaltung seiner reaktionären Tendenzen zu lesen. Insbesondere die Ingredienzien Egalitarismus, Antiimperialismus und Etatismus sind heute charakteristisch für das, was links ist. Zugleich aber ist der historische Materialist angehalten, die Geschichte „gegen den Strich zu bürsten“ (Benjamin). Daher gilt es, die Ambivalenz dieser Geschichte aufzuzeigen und darauf zu beharren, dass es in der Linken immer auch heterologe Elemente gab, die auf die Befreiung des Individuums von Herrschaft und Ausbeutung abzielten: die gar nicht parteiförmige, sich leider vorerst aus vereinzelten Individuen zusammensetzende Partei des Glücks.
Jan Gerber, Mitherausgeber der Bücher „Rote Armee Fiktion“ und „Fight for Freedom. Die Legende vom anderen Deutschland“, schreibt u.a. für die Zeitschriften Bahamas, Prodomo und Phase 2. Er wird erläutern, inwiefern die Linke zugleich die Aufklärung verraten und sie auf die Spitze getrieben hat.

Für alle Veranstaltungen gilt: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen. Ebenso zum Ausschluss von der Veranstaltung führt das Tragen von eindeutig rechtsextremen Symbolen und Bekleidungsmarken einschließlich „Thor Steinar“.

 

20 Jahre Antifa: Still not loving Reality

Eine Kritik am Aufruf der Demonstration „Still not lovin’ Germany“, als Flugblatt am 10.10.2009 in Leipzig verteilt:

Die Organisatoren der heutigen Demonstration scheinen nicht zu wissen, was sie am heutigen Deutschland kritisieren sollen. Sie rufen daher zur Bekämpfung eines Deutschlands auf, das es schon längst nicht mehr gibt

„Still not lovin’ Germany“ – „Wir lieben Deutschland immer noch nicht“. Das mag stimmen. Aber, ganz ehrlich: Wer tut das hierzulande schon? Die Deutschen sind weder in der Emigration, wo die Liebe zu Schweinskopfsülze, Pfälzer Saumagen oder Leipziger Allerlei indirekt proportional zur Dauer des Exils wächst. Noch sind sie Asylbewerber, denen Deutschland im Vergleich zum Iran, der Elfenbeinküste oder dem Kongo auch nach den schrecklichsten Schikanen der hiesigen Ausländerbehörden als Paradies erscheint. Wer in Leipzig, Halle oder Gelsenkirchen halbwegs aufmerksam Straßenbahn fährt, erkennt im gegenseitigen Umgang der Fahrgäste, in ihren Gesprächen, den Drängeleien, dem gereizten Wort („Erst raus, dann rein!“) und der oft mehr als latenten Aggressivität: Die Leute können sich nicht ausstehen. So dürfte es auch mehr als ein Zufall sein, dass die Doku-Soaps, die die Fernsehprogramme vor einigen Jahren noch dominierten, in der Publikumsgunst längst von Zoosendungen abgelöst wurden. Je enger Ost und West zusammenwachsen, je intensiver sich die Landsleute also kennenlernen, umso mehr lieben sie „Panda, Gorilla & Co“.

Warum eigentlich Deutschland lieben?

Die nationalen Imagekampagnen („Du bist Deutschland“ usw.) und die aufgedrehten Bekenntnisse der Generation Berlin zur Fußball-Nationalmannschaft, zu schwarz-rot-gold und zur deutschen Vorreiterrolle in Sachen Ökostrom sind dementsprechend kein Ausdruck überschwänglicher Vaterlandsliebe. Erstens hat ein Vater, der geliebt wird, keine Imagekampagne nötig. Zweitens ist es bei all den Peinlichkeiten, die sie sich gelegentlich leisten, auch für Verliebte eher unüblich, Wildfremden ungefragt den Namen ihres Schwarms ins Ohr zu brüllen oder sich seine Initialen ins Gesicht zu schmieren. Vor allem aber ist es unüblich, sich immer und immer wieder unaufgefordert für die große Liebe zu rechtfertigen, im gleichen Atemzug aber zu betonen, wie harmlos die Sache doch sei. Sowohl die Imagekampagnen als auch die schwarz-rot-goldenen Fahnenappelle haben ein nicht zu übersehendes Moment von Autosuggestion. Hinter dem aufgedrehten Fahnenschwenken dürfte vor allem das Bedürfnis des Staatsbürgers stehen, aus dem –durchaus nützlichen – Besitz eines deutschen Reisepasses gerade im Angesicht der Krise ein wechselseitiges Treue- und Verpflichtungsverhältnis zwischen sich und der Instanz, die das Dokument ausstellt, abzuleiten. Soll heißen: Je unerträglicher er seine Mitinsassen und die Haftanstalt findet, umso stärker muss er sich selbst von ihren vermeintlichen Vorzügen überzeugen. Das gelingt ihm dummerweise nicht immer – immerhin ist es im Zeitalter von Kabelfernsehen und Billig-Airlines schwer, die Schönheiten der Lüneburger Heide, die deutsche Popkultur oder den deutschen Beitrag zum Klimaschutz gegen Malibu-Beach, Britney Spears oder einen Cadillac stark zu machen. Aus diesem Grund tritt ihm regelmäßig der Staat zur Seite: In dem Maß, in dem der „Tag der deutschen Einheit“ bei der Mehrheit der Deutschen nicht mehr für vaterländisches Herzklopfen sorgt, sondern als willkommene Gelegenheit für einen Kurzurlaub, die Renovierung der Küche oder einen Gammeltag vor dem Fernseher begriffen wird, müssen die einschlägigen Ideologieproduzenten ihre Anstrengungen in Sachen nationaler Identitätsstiftung durch Kampagnen, Stellwände und das Verteilen schwarz-rot-goldener Kugelschreiber verstärken. Diese Mischung aus privatem Desinteresse und staatsbürgerlichem Bedürfnis nach Sinnstiftung, die die je Einzelnen durchzieht, spiegelt sich noch vor der Fernbedienung wieder. Die Fernsehsender, die sich aus finanziellen Gründen an den Konsumwünschen des Publikums orientieren müssen, waren auch am 3. Oktober weitgehend frei von nationalem Pathos: Pro 7 zeigte „Star Wars“, RTL 2 wartete mit „Austin Powers“ auf. Die öffentlich-rechtlichen Sender hingegen, die nicht auf die Interessen der Zuschauer, sondern auf den nationalen Bildungsauftrag verpflichtet sind – und aus diesem Grund in der Zuschauergunst ganz weit unten stehen –, überschwemmen das Publikum hingegen seit Monaten mit Sendungen à la „Countdown Mauerfall“ (ZDF), „Meine Wende“ (MDR) und „60 x Deutschland“ (ARD). Sowohl hinter der aufdringlichen Versicherung der eigenen Heimatverbundenheit als auch den öffentlich-rechtlichen Sinnstiftungskampagnen steht mit anderen Worten letztlich der Drang, der eigenen Scholle endlich den Rücken zu kehren. So sind laut einer Umfrage zwar 65 Prozent der Landsleute der Meinung, dass die Deutschen ruhig stolzer auf „ihr Land“ sein sollten. Drei Viertel der Befragten beantworten die Frage, ob sie auch in einem anderen Land als Deutschland arbeiten würden, jedoch mit einem eindeutigen „Ja“. Nicht nur die Verkehrsstaus, die in jedem Sommer in Richtung Süden zu beobachten sind, und das Desinteresse an den Ferien auf dem Immenhof zeigen: Die Deutschen hält trotz der Beteuerung ihrer Heimatverbundenheit nur sehr wenig im geliebten Vaterland. Sie halten es untereinander nicht aus.

Warum eigentlich nicht?

Diese Form der autosuggestiven Vaterlandsliebe findet in der heutigen Demonstration ihren linken Komplementär. Während die Mehrheit der Deutschen nicht so richtig weiß, warum sie stolz auf ihr Vaterland sein soll, wissen die Organisatoren der heutigen Demonstration, die sich im „Arbeitskreis 2009“ zusammengeschlossen haben, offensichtlich nicht so richtig, warum sie Deutschland nicht lieben sollen. Die Betonung des heutigen Demo-Mottos „Still not lovin’ Germany“ scheint dementsprechend auf dem „still not“ zu liegen: „noch nicht“. Um überhaupt etwas zu finden, das ihnen an der Bundesrepublik nicht gefällt, mussten die Organisatoren schon sehr weit in der Nachkriegsgeschichte zurückgehen. Anders gesagt: Sie mussten sich das Deutschland, das sie nicht lieben wollen, erst erfinden – das Deutschland, das sie heute nicht mögen, ist schon seit gestern nicht mehr existent. Und so werden die Asylbewerberheime von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen im Aufruf immer noch belagert; die Abschaffung des Asylrechts wird skandalisiert, als hätte der Bundestag den Artikel 16 erst gestern bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen; und die DDR wird von offizieller Seite nach wie vor totalitarismustheoretisch mit dem „Dritten Reich“ gleichgesetzt. Kurz: Das „Vierte Reich“, das in den neunziger Jahren regelmäßig von linker Seite beschworen wurde, steht immer noch kurz vor der Tür. Weder die Autoren des Aufrufs noch die dutzenden Politgruppen, die den heutigen Auftrieb unterstützen, wollen sich eingestehen, dass Figuren wie Eckhard Jesse und Uwe Backes, die beiden Galionsfiguren der gegenwärtigen Totalitarismustheorie, bestenfalls in Sachsen für wissenschaftliche Koryphäen gehalten werden. (Zumindest die Außenpolitik der Bundesrepublik basiert spätestens seit dem Kosovokrieg gerade nicht mehr auf der Relativierung der deutschen Verbrechen; die Politik der rotgrünen Regierung und, wenn auch in abgeschwächter Form, der großen Koalition zog ihren Geltungsdrang vielmehr gerade aus der Betonung ihrer Einzigartigkeit.) Weder der Leipziger Gruppe mit dem bezeichnenden Namen „EGAL“ („Emanzipatorische Gruppe AntifaschistInnen Leipzig“) noch den anderen Unterstützern des Aufrufs scheint aufzufallen, dass die Mehrheit der heutigen Bereitschaftspolizisten die Parole „Wo, wo, wo wart Ihr in Rostock?!“, die BGS und Co. in den neunziger Jahren auf linken Demonstrationen empört entgegengebrüllt wurde, guten Gewissens mit dem Ruf beantworten könnten: „Im Kindergarten!“ Will heißen: Die zentrale empirische Basis, auf der der Aufruftext beruht, stammt aus einer Zeit, die auch das Gros der heutigen Demonstranten bestenfalls aus den Zeitzeugengesprächen kennt, die der „Arbeitskreis 2009“ in den letzten Wochen als alternatives Begleitprogramm zu den offiziellen Zeitzeugengesprächen dieser Tage organisiert hat. Das Ganze ist wahlweise 18 (Hoyerswerda), 17 (Rostock) oder 16 (Abschaffung des Asylrechts) Jahre her. Selbst an den beiden Stellen, an denen sich die Organisatoren darum bemühen, über das magische Jahr 2000 hinauszugehen, greifen sie gekonnt daneben. Wenn sie den „Ruf aus Leipzig“ vom Juni 2007 als Beispiel für eine „parallelisierende Opferinszenierung“, eine Gleichsetzung von Nationalsozialismus und DDR, heranziehen, fallen sie nicht nur auf die Leipziger Selbstpräsentation als Epizentrum der Weltentwicklung herein: Der „Ruf aus Leipzig“, der von sieben so gesellschaftlich relevanten Herren wie dem Geschäftsführer des Leipziger Zoos, dem Ärztlichen Direktor des Herzzentrums Leipzig und dem Kantor der Thomaskirche verbrochen wurde, wurde nicht einmal im benachbarten Halle, wo sonst jeder Unsinn aus der Heldenstadt große Beachtung findet, wahrgenommen. Der „Arbeitskreis 2009“ musste zugleich zur offenen Lüge greifen: So betreiben der Zoodirektor und seine Freunde in ihrem „Ruf aus Leipzig“ gerade keine „parallelisierende Opferinszenierung“. Sie betonen vielmehr ausdrücklich, dass der Nationalsozialismus und die DDR gerade nicht gleichgesetzt werden können: „Festigung der Demokratie bedeutet ständige, nicht nachlassende Kritik an beiden, nicht gleichzusetzenden [Hervorhebung von uns], deutschen Diktaturen.“

„Mach meinen rassistischen Konsens nicht an!“

Das Deutschlandbild, das sich hinter dem Aufruf des „Arbeitskreises“ verbirgt, lässt sich auf eine einfache Formel bringen: „rassistischer“ oder „rechter Konsens“. Wer schon einmal miterleben durfte, wie gereizt die Aktiv-Antifa selbst auf die schüchternste Kritik an dieser Floskel reagiert, der weiß: Die Rede vom „rassistischen Konsens“, vom deutschlandweiten Bündnis aus Polizei, Staat, Nazis und Bevölkerung gegen Migranten, Flüchtlinge und die Leipziger Antifa, ist für sie längst zum Identitätsersatz geworden. Genauso schwer wie sich die Linke in den frühen neunziger Jahren – als tatsächlich so etwas wie ein „rassistischer Konsens“ existierte – tat, sich von ihrer Lieblingsvorstellung einer großen Koalition aus Migranten und deutschen Sozialhilfeempfängern gegen „die da oben“ zu verabschieden, genauso schwer tut sie sich heute damit, auf Abstand zur Parole vom „rassistischen Konsens“ zu gehen. Die Älteren, die ihr Hobby inzwischen zum Beruf gemacht haben, müssen allein schon um ihrer physischen Reproduktion willen auf der Existenz einer rassistischen Mehrheitsgesellschaft bestehen: Wen sollen sie sonst mit ihrer antirassistischen Bildungsarbeit, mit Monitoring, Networking und Schulprojekttagen gegen Rechtsextremismus beglücken? Die Jüngeren können hingegen entweder ihren Opportunismus im Kampf gegen Neonazis, auf den sich ihr Hantieren dann letztlich trotz des Schlachtrufs vom „rassistischen Konsens“ beschränkt, als Nonkonformismus ausgeben: Immerhin gibt es im öffentlichen Leben der Bundesrepublik – vom Sozialkundelehrer über das Unterschriftenkartell bis hin zur Kanzlerin – kaum noch jemanden, der nichts gegen die NPD hat. Oder sie hoffen selbst schon auf einen Quereinstieg ins staatliche Antifa-Business: Wo sollen Politik-, Soziologie- oder Philosophieabsolventen mit linksradikaler Politvergangenheit ansonsten auch unterkommen? Die Vorstellung vom „rassistischen“ oder „rechten Konsens“ wird dabei nicht nur von den Gehaltsschecks dementiert, die den Lebensunterhalt der professionalisierten Antifa-Aktivisten sicherstellen: Die diversen – und im Einzelfall sicher auch verdienstvollen – „Antidiskriminierungsbüros“, „Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt“ und „Arbeitsstellen Rechtsextremismus“ hängen, was ihren Mitarbeitern nach jahrelanger ehrenamtlicher Schufterei durchaus zu gönnen ist, letztlich am staatlichen Tropf. Selbst der Fall, den der „Arbeitskreis 2009“ als Beispiel für das ungebrochene Fortwirken des rassistischen Konsenses der neunziger Jahre anführt, steht für das genaue Gegenteil: So trieb nach einem Volksfest im Sommer 2007 zwar tatsächlich, wie im Demonstrationsaufruf zu lesen ist, ein rassistischer Mob aus Nazis und Normalbevölkerung acht Inder durch die sächsische Kleinstadt Mügeln. Im Unterschied zu Rostock-Lichtenhagen war in Mügeln jedoch innerhalb kürzester Zeit eine Polizeihundertschaft vor Ort, die die Meute trotz Stein- und Flaschenwürfen zurückdrängte. Während sich angesichts der Pogrome von Hoyerswerda und Rostock darüber hinaus eine große Front aus Medienvertretern, Politikern und Normalbürgern bildete, die Verständnis für das „an sich“ berechtigte Anliegen des brandschatzenden Mobs aufbrachte, war in Mügeln nichts dergleichen zu beobachten: Es herrschte vielmehr eine partei- und medienübergreifende Empörung: sowohl über die Volksfestmeute als auch über die Relativierungsversuche des Mügelner Bürgermeisters. Die Hetzjagd wurde, anders als von den Organisatoren der heutigen Demonstration behauptet, nicht nur einer Gruppe von Neonazis zur Last gelegt; der „Spiegel“, der 1992 noch mit der Parole „Das Boot ist voll“ aufgewartet hatte, zitierte vielmehr jemanden, der erklärte, dass letztlich alle – „von jung bis alt, vom Punk bis zum Skinhead“ – dabei gewesen seien und fragte exemplarisch für die überregionale Presse: „Wurde hier womöglich ‚Volkes Wille‘ vollstreckt?“ Von einem deutschlandweiten „rassistischen Konsens“ kann tatsächlich nur sprechen, wer seinen Kiez in Leipzig Connewitz als Trutzburg gegen die Zumutungen der Welt begreift, die er nur zu gelegentlichen antifaschistischen Ausflügen in ostzonale Käffer à la Wurzen, Delitzsch oder Mügeln verlässt. Im Unterschied zu den neunziger Jahren gibt es außerhalb der ostdeutschen Abbruchgebiete kaum noch jemanden, der den Menschenjagden der Einheimischen oder akzeptierender Sozialarbeit mit Neonazis mit verständiger Toleranz begegnet. Der „rassistische Konsens“ dürfte inzwischen in erster Linie ein Ostphänomen sein; auf Bundesebene bzw. im Westen scheint, wie nicht zuletzt der Andrang beim „Tag der offenen Moschee“, die Proteste gegen den Anti-Islamisierungskongress in Köln und selbst das Feuilleton der FAZ zeigen, vielmehr ein „antirassistischer Konsens“ zu herrschen. Das heißt nicht unbedingt, dass arme Schlucker aus Ghana in jeder hessischen Dorfdisko einen begeisterten Empfang erleben. Die Chance, Opfer eines fremdenfeindlichen Übergriffs zu werden, dürfte für sie im Westen inzwischen allerdings rund zehn Mal geringer als im Osten sein. Darüber hinaus hat der rassistische Pöbel derzeit weder in den alten Bundesländern noch auf Bundesebene eine Chance „diskursmächtig“ zu werden: Mit ihm spricht niemand, ihn nimmt niemand als Diskussionspartner ernst, und ihm bietet niemand ein Forum.

Deutschland einig Antira

Das Problem ist: Gerade in diesem Antirassismus erlebt das spezifisch Deutsche, das die Initiatoren der „Still-not-loving-Germany“-Demonstration nicht einmal ansatzweise auf den Begriff zu bringen versuchen, eine weitaus größere Wirkungsmächtigkeit als durch sein vermeintliches Gegenteil: die ausländerfeindlichen Prügelattacken ostzonaler Kirmesbesucher. Ursprünglich ein Einspruch gegen Fremdenfeindlichkeit, ausländerfeindliche Übergriffe und Abschiebungen, konserviert der Antirassismus längst die antiimperialistische Liebe zum Volk, der antiaufklärerischen Kategorie per se. Kulturen und Kulturkreise gelten als quasi-natürliche Größen, die unabhängig davon, wofür sie stehen, schützenswert seien. Während dabei noch die schrecklichsten Verhaltensweisen – von Genitalverstümmelungen über Witwenverbrennungen bis hin zur Verfolgung Homosexueller – zu erhaltenswerten Traditionen verklärt werden, werden alle Übel dem Westen zur Last gelegt, der angeblich von „außen“ in die Schutzräume der „indigenen Völker“ eingedrungen sei und ihre harmonisch-organische Lebensweise zerstört habe. Ganz im Sinn dieser Vorstellungen steht im Zentrum des Antirassismus längst nicht mehr das Individuum, das für seine Handlungen verantwortlich gemacht und kritisiert werden kann. Die Menschen in der Dritten Welt, die hiesigen Migranten und die von Abschiebung Bedrohten werden – und das zeigt nicht zuletzt die Narrenfreiheit, die Sexisten mit Migrationshintergrund in so manchem besetzen Haus genießen – inzwischen in Blut-und-Boden-Manier als Exemplar ihrer Kultur begriffen: Sie kommen halt aus einem anderen Kulturkreis. Hinter diesem Antirassismus steht damit nicht die Solidarisierung mit denen, die in Deutschland von Abschiebung oder von ausländerfeindlichen Übergriffen bedroht sind; hinter ihm steht nicht die Forderung nach einem besseren Leben für alle – jenseits von Kollektiven und dem autoritären Zwang, den die „Kulturen“ gegen diejenigen ausüben, die nicht mehr zu ihnen gehören wollen. Hinter diesem Antirassismus verbirgt sich vielmehr die Sehnsucht nach der repressiven Wärme des Kollektivs. Wer seine Kritik an Deutschland hingegen nur auf den Haudrauf-Rassismus der neunziger Jahre beschränken kann, weil er selbst im Antira-Business mitspielt; wer Deutschland nur zu kritisieren imstande ist, wenn es als fieser Kriegstreiber auftritt; wer die deutsche Friedenssehnsucht nur, wie der „Arbeitskreis 2009“ auf einer inzwischen abgeschalteten Homepage, als „Heuchelei“ abtun und nicht als durchaus ernst gemeinten Frieden gegenüber denjenigen begreifen kann, die den Staat der Holocaust-Überlebenden vernichten wollen – der muss entweder zur Leugnung der Realität greifen: Er muss sich einen Gegner basteln, den es nicht mehr gibt. Oder er muss das tun, was ein früherer antideutscher Provinz-Kronprinz vor einiger Zeit im Zentralorgan der Leipziger Szene vorexerzieren durfte: Er muss durchaus richtig konstatieren, dass das „Vierte Reich“ eben doch nicht vor der Tür steht – und vor diesem Hintergrund zum ideellen Deutschlandfahnenschwenken übergehen. Die Simulation der neunziger Jahre und die neue Deutschlandbegeisterung früherer Szenelautsprecher sind mit anderen Worten nicht notwendigerweise Gegensätze. Sie sind vielmehr zwei Seiten derselben Medaille.

Aufstände und Anständige

Die Langeweile, die der Aufruf zur heutigen Demonstration verbreitet, hat allerdings durchaus einen objektiven Gehalt. In den Jahren nach dem „Antifa-Sommer“ des Jahres 2000, als Gerhard Schröder den „Aufstand der Anständigen“ gegen Neonazis ausrief, schien es so, als würde sich das kollektive Straf- und Verfolgungsbedürfnis der Landsleute diversifizieren. Jeder, dem Gemeinwohlschädlichkeit nachgesagt werden konnte, konnte zum Opfer werden: vom Kampfhundebesitzer über so genannte Kinderschänder und schmarotzende Politiker bis hin zum scheinbar widersinnigen Objekt, dem Neonazi. Die jeweiligen Mobilisierungen erfolgten dabei nicht nur in immer kürzeren Abständen; sie ergriffen zugleich regelmäßig das ganze Land: Angeführt von ihrer Regierung demonstrierten im Jahr 2000 hunderttausende Deutsche gegen die Machtübernahme der Ein-Prozent-Partei NPD. Während des Irakkrieges traf es die USA, die im Namen des von Gerhard Schröder verkündeten „deutschen Weges“ angegriffen wurden – die Bundesrepublik erlebte die größten antiamerikanischen Aufmärsche ihrer Geschichte. Und bei den Montagsdemonstrationen gegen Hartz-IV richtete sich die Sehnsucht nach dem „deutschen Weg“ 2004 schließlich gegen die Bundesregierung selbst: Die Demonstranten appellierten an einen imaginären starken Staat, in dem „die Politik“ nicht von der Wirtschaft bestimmt wird, Partikularinteressen ausgeschaltet sind und Sorge dafür getragen wird, dass deutsche Unternehmer in Deutschland, und nicht in Tschechien, Polen oder auf den Malediven investieren. Mit anderen Worten: In der Krise des Etatismus, die seit einigen Jahren zu beobachten ist, schienen gerade diejenigen Momente des Nationalsozialismus reaktiviert zu werden, die besonders „modern“ und ihrer Zeit voraus waren: das Abstellen auf die Unmittelbarkeit von Herrschaft, eine breite Bürgerbeteiligung und einen äußerst flexiblen (Selbst-)Verwaltungsapparat, der gerade dadurch zu seiner mörderischen Effizienz gelangte, dass er weder durch langwierige Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse noch durch das Warten auf explizite Befehle gehemmt wurde – sondern den Volkswillen erahnen und in Eigeninitiative in die Tat umsetzen konnte.

Das Ende der Kampagnendemokratie?

Doch auch diese Zeit scheint vorerst vorbei zu sein. Zwar wird in verschiedenen Gegenden der Republik immer noch regelmäßig die Sau durchs Dorf getrieben: In Leipzig demonstrierten Rechts und Links vor einiger Zeit gemeinsam, wenn auch an unterschiedlichen Orten, gegen Kinderschänder. In Hamburg bildete sich angesichts eines großen Neonaziaufmarschs im letzten Jahr eine große Koalition heraus, der die örtlichen Volksparteien ebenso angehörten wie linke Antiimperialisten und die inzwischen verblichene „Bad-Weather“-Antifa. Und im sachsen-anhaltischen Zerbst traf der Volkszorn vor einiger Zeit eine Familie, die den Ruf des Ortes, der bis dahin gar nicht existiert hatte – wer kennt schon Zerbst? –, im RTL-2-Format „Frauentausch“ angeblich ruiniert hatte: Die Familie war im Fernsehen ganz authentisch aufgetreten, woraufhin ihr Haus über mehrere Tage hinweg von einem empörten, ebenso authentischen Mob belagert wurde. Trotz der teilweise beeindruckenden Teilnehmerzahlen sind die jeweiligen Massenmobilisierungen gegen Nazidemonstrationen, Kinderschänder und andere vermeintliche Gemeinwohlschädlinge in gesamtdeutscher Perspektive jedoch inzwischen Zwergenaufstände mit Lokalkolorit. Auch wenn es in den letzten Jahren zahlreiche Gelegenheiten gab: Eine bundesweite Mobilmachung gegen den einen großen Feind: die USA, schmarotzende Politiker, Neonazis usw., wie in den Jahren 2000 bis 2004 hat die Republik seit dem Ende der Hartz-IV-Demonstrationen, oder allgemeiner: dem Abdanken der rotgrünen Koalition, nicht mehr erlebt. So hält die Mehrzahl der Deutschen Israel zwar für die größte Gefahr für den Weltfrieden. Bei den antisemitischen Aufmärschen gegen den Libanon- und den Gazakrieg 2006 und 2008/2009 blieben die Anhänger des Propheten trotzdem weitgehend unter sich. Selbst der große Volksaufstand gegen die Finanzkrise, die die Gelegenheit zum großen „Hepp!-Hepp!“-Krawall gegen skrupellose Banker, verantwortungslose Politiker und die USA geboten hätte, wurde zum Leidwesen linker Antiimperialisten und wertkritischer Apokalyptiker glücklicherweise vertagt.

Enttäuschte Hoffnungen

Das Ausbleiben der großen Mobilmachung und des großen Knalls scheint dennoch weder allein auf den Regierungswechsel noch ausschließlich auf die Unfähigkeit der Deutschen zurückzuführen sein, sich einer Sache über einen längeren Zeitraum ganz zu verschreiben. Auch wenn es die Mehrzahl der Landsleute tatsächlich kaum noch fertig zu bringen scheint, einer Unterhaltungssendung mehr als 20 Minuten ohne Werbepause zu folgen: Die Ursache der derzeitigen Lethargie dürfte zugleich darin zu suchen sein, dass die Hoffnungen auf Weltuntergang und Ausnahmezustand zu oft enttäuscht wurden. Das Eingemachte musste zu oft im Keller bleiben; der Selbstverteidigungskurs erwies sich immer wieder als vertane Zeit; und die teuren Polarschlafsäcke, die monsuntauglichen „Jack-Wolfskin“-Jacken und die „Meindl“-Alpinwanderschuhe, mit denen sich der Mittelstand seit Ende der neunziger Jahre bevorzugt ausstattet, durften sich zu oft doch wieder nur auf dem Weg ins Büro, beim Wochenendcamping auf Rügen oder der Brockenwanderung bewähren. Wenn Sehnsüchte und Hoffnungen zu oft enttäuscht werden, entsteht schließlich jene Mischung aus Lethargie und Langeweile, die derzeit alles bestimmt. Die Landsleute scheinen die Hoffnung zwar noch nicht ganz aufgeben zu wollen: Gerade die Nachrichten über die Schweinegrippe-Epidemie sorgten im August wieder einmal für jene Mischung aus Weltuntergangsangst und freudiger Erwartung, die hierzulande noch jeden Massenaufbruch geprägt hat. So richtig scheint allerdings trotzdem niemand mehr an die Apokalypse glauben zu wollen. Trotz der Verhaltenshinweise zur Vermeidung von Ansteckungen verstauben Desinfektionsmittel in Büroküchen und Ostdeutsche geben sich immer noch die Hände. Auch die Nachrichten über die Wirtschaftskrise sorgten nicht dafür, dass die Leute ihre Vorratskeller auffüllten und ihre Schrebergärten von der Geranienzucht auf Selbstversorgung umstellten. Sie statteten sich vielmehr, nicht gerade typisch für jemanden, der morgen den Weltuntergang erwartet, mit neuen Autos, Einbauküchen und Wohnzimmergarnituren aus.

Die linke Einheitsfront

Die permanente Enttäuschung birgt dennoch ein Risiko: Wenn Hoffnungen allzu oft enttäuscht wurden, entstehen nicht nur Langeweile und Lethargie. Die Enttäuschung kann zugleich in Aggression umschlagen. Es dürfte also längst noch nicht ausgemacht sein, ob die Deutschen den Ausnahmezustand auch in Zukunft bevorzugt am Joystick simulieren – neben der Automobilindustrie und der Einrichtungsbranche gehören die Hersteller von Endzeit-Computerspielen hierzulande zu den großen Gewinnern der Krise – oder ob wir derzeit nur eine Latenzphase, eine Art Ruhe vor dem Sturm, erleben.

Für solche Fragen interessieren sich die Organisatoren der heutigen Demonstration allerdings nicht. Wie sollen sie auch über die Veränderungen diskutieren, die sich seit der Ablösung der rotgrünen Regierung, der großen Propagandistin der Kampagnendemokratie, vollzogen haben, wenn sie noch nicht einmal realisiert haben, dass der Kanzler nicht mehr Helmut Kohl heißt. (Vom jüngsten Regierungswechsel ganz zu schweigen.) Wenn sie die Diskussion ihres Aufruftextes bei einem bundesweiten Demo-Vorbereitungstreffen auf Platz sechs der Tagesordnung setzen und ganze 20 Minuten dafür veranschlagen; wenn sie stattdessen stundenlang über das „Demo-Orga-Konzept“, „Pennplatzbörsen“ und die Gestaltung der einzelnen Blöcke sprechen; wenn sie auch die größten Kritiker ihres Demonstrations-Konzeptes in ihre Veranstaltung integrieren wollen – dann zeigt sich: Ihr eigenes Geschreibe ist ihnen letztlich egal. Ihnen geht es nicht um Wahrheit; ihnen geht es nicht darum, die Frage „was deutsch ist“ kritisch – und vor allem: auf der Höhe der Zeit – auf den Begriff zu bringen. Sie wollen einfach wieder einmal eine große Demo organisieren und mit möglichst vielen Leuten über den Leipziger Goerdelerring laufen. Dabei hätten es die Leipziger Wendefeierlichkeiten tatsächlich verdient, ordentlich aufgemischt zu werden. Aber, und das kann gar nicht genug betont werden, eben nicht von Leuten, die an Deutschland nichts anderes als die Jahre 1990 bis 1993 zu kritisieren wissen. Nicht von Leuten, die den Demonstranten des Jahres 1989 nebenbei ausgerechnet das vorwerfen, was mit Abstand zu ihren sympathischsten Beweggründen gehörte: der Sehnsucht nach Westautos und Bananen, ergo: ein wenig Luxus und einem etwas besseren Leben. Und auch nicht von Demounterstützern wie „TOP Berlin“ – keine Billigeinkaufskette, sondern eine linke Politgruppe –, die an einem Tag, der für das Ende der Nachkriegszeit steht, in ihrem Demoblock weder durch israelische Fahnen noch durch die Flaggen der Alliierten daran erinnert werden wollen, dass der Nationalsozialismus von außen niedergerungen werden musste.

ag „no tears for krauts“/ag antifa halle

Oktober 2009

 

Montag, 13. Juli 2009, 20.30 Uhr
Kino Zazie, Kleine Ulrichstraße 22
Eine Veranstaltung der ag antifa im stura der uni halle

Yol (Der Weg)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller

Nach dem Militärputsch in der Türkei im Herbst 1980 schaffte es ein Film, das Interesse ganz Europas auf die Zustände in diesem Land zu lenken. Es war der 1982 fertig gestellte und im gleichen Jahr mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Film „Yol“ von Yilmaz Güney (1937 – 1984), ein Film der erstmals 1994 legal in der Türkei gezeigt werden durfte. Güney – aus politischen Gründen mehrfach in Haft und 1981 unter abenteuerlichen Bedingungen aus der Türkei geflüchtet – konzipierte den Film im Gefängnis und hat ihn später im französischen Exil aus Material zusammengestellt, das Freunde nach seinen Anweisungen teilweise klandestin in der Türkei gedreht hatten.
Yol wurde von der Linken sehr freundlich aufgenommen, jedoch mit dem Lob auch seiner Brisanz beraubt. Er wurde von der türkischen, kurdischen und europäischen linken und liberalen Öffentlichkeit in erster Linie als ein Film der Anklage gegen die Militärherrschaft gefeiert, obwohl er genau das nur zum Teil war. Die fünf Protagonisten, denen ein Hafturlaub gewährt wird und die sich in ihre im mehrheitlich kurdischen Südosten des Landes gelegenen Heimatorte aufmachen, um dort persönliche Angelegenheiten zu regeln, sind keine politischen sondern kriminelle Gefangene. Auch ihre Erlebnisse außerhalb der Gefängnismauern haben mit politischem Widerstand gegen die Militärjunta nichts zu tun, umso mehr mit jener anderen Unterdrückung, über die Freunde des Volkes gerne hinwegsehen oder als Begleiterscheinung der Armut rechtfertigen: dem ganz normalen islamischen Alltag.
Es geht um Ehebruch, Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Frauenunterdrückung. Die Protagonisten stehen scheinbar unüberwindbaren Zwängen letztlich machtlos gegenüber und zerbrechen daran. Nicht das Gefängnis, dem sie kurzfristig entkommen sind und das sie bei einer der in der Türkei häufigen Amnestien in absehbarer Zeit als freie Männern würden verlassen können, ist ihr größtes Problem. Als das wahre Gefängnis stellt sich ihnen eine Gesellschaft dar, in der Clanstrukturen und religiös geprägte Moral jeden Versuch vereiteln, ein individuelles, in Grenzen gar sinnlich erfüllteres Leben zu entfalten.
Yilmaz Güney hat „Yol“ wie seine anderen Filme als Künstler und Revolutionär noch ganz selbstverständlich aus dem Blickwinkel des Westens gedreht. Seine Liebe zu den Menschen und der (kurdischen) Landschaft ist keine primitive Komplizenschaft mit dem Volk auf angestammtem Boden. Die Landschaft wie die Menschen erscheinen fremd und feindselig solange ein übermächtiger, durch den Islam und die Verwandtschaftsherrschaft vermittelter Naturzwang, nicht nur jede freundliche Regung erstickt, sondern die dortigen Verhältnisse als immer auswegloser erscheinen läßt.
„Yol“ ist ein kurdischer Film, der viel eindrucksvoller die notwendige und vernichtende Kritik an kurdischem Nationalismus vollzieht, als jede noch so kluge Streitschrift gegen die PKK. Yol ist die Denunziation jeden Kulturrelativismus im Namen unterdrückter Völker. Yol ist ein revolutionärer Film, weil er eine dezidiert „westliche“, sprich: universale Sehnsucht nach ein bißchen Freiheit und Glück auch für ein Land einfordert, das heute von einer islamistischen Regierung in einen noch trostloseren Zustand zurückversetzt werden soll, als Güney im Entstehungsjahr des Filmes ahnen konnte und ist schon dadurch unbedingt aktuell und sehenswert.

Justus Wertmüller (Berlin) ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“.

 

beat'em up!
Teach them Lessons in History!
Den Naziaufmarsch am 17. Juni 2009 stoppen!

Ohne Zweifel: Weder die Witzfiguren von der NPD noch der White-Power-Trash, der sich Abend für Abend als "Freie Kameradschaft" an ostdeutschen Tankstellen und Buswartehäuschen zusammenfindet, stehen kurz vor einer Machtübernahme. Ebenso wenig wie "das Kapital", das sich nach traditionellem linken Duktus "hinter dem Faschismus" verbergen soll, hat die offizielle deutsche Politik derzeit ein ernsthaftes Interesse an einer Krisenlösung a la NSDAP. Anders als zu Beginn der neunziger Jahre, als das Asylrecht mit Verweis auf den "Druck von der Strasse", soll heißen: ca. zwei ausländerfeindliche Brandanschläge pro Tag im Jahr 1992, abgeschafft wurde, fungieren die Neonazis noch nicht einmal als Berufungsinstanz der deutschen Politik.

Und trotzdem: Abgesehen von der ästhetischen Zumutung, die die Kostüme und Gesichter der Herren und Damen Nazis darstellen, sind sie im Einzelfall nach wie vor eine Gefahr für Leib und Leben von Ausländern, Obdachlosen, Punks etc. - insbesondere dann, wenn ihnen nicht regelmäßig wirkungsvoll entgegengetreten wird.

In durchschnittlichen westdeutschen Städten wird dieser Job inzwischen in der Regel von der so genannten Zivilgesellschaft übernommen: Kaum geben Nazis bekannt, einen Aufmarsch durchführen zu wollen, werden Bürgerversammlungen ausgerufen, zivilgesellschaftliche Initiativen führen Blockadetraining durch, der Bürgermeister setzt sich an die Spitze der Proteste. In Städten wie Halle stellt sich hingegen die Frage, ob den einschlägigen ziviligesellschaftlichen Aufrufen gegen den Naziaufmarsch am 17. Juni tatsächlich mehr Leute folgen werden, als die, die ihr Erscheinen als Überstunde abrechnen können: Gewerkschaftsfunktionäre, Pfarrer oder Schulklassen, die von ihrem Sozialkundelehrer dazu verdonnert wurden. In einer solchen Situation wird es auch für diejenigen nötig, gegen Nazis und ihre Aufmärsche zu protestieren, die die einschlägigen Aktivitäten lieber denjenigen überlassen würden, die dafür bezahlt werden, den Ruf ihrer Heimatstadt retten wollen oder in ihrer Kindheit an zu wenigen Geländespielen teilgenommen haben.

Wir rufen darum dazu auf, am 17. Juni gegen den Aufmarsch der halleschen NPD aktiv zu werden.

  • Nicht, weil wir um den Ruf der Stadt Halle besorgt sind. (Der ist uns nicht nur egal - wir gönnen es Halle, dessen Bürgermeisterin vor einigen Jahren noch gemeinsam mit Nazis Kränze zum Volkstrauertag abwarf, sogar, als braunes Nest in die Schlagzeilen zu kommen.)
  • Nicht, weil wir an einem "Aufstand der Anständigen" in der ostdeutschen Provinz interessiert sind. (Auch das "andere Deutschland", auf das sich die Zivilgesellschaft regelmäßig beruft, ist noch deutsch genug.)
  • Und auch nicht, weil wir glauben, dass das Leben ohne bekennende Nazis, ihre Demonstrationen und Läden hierzulande sehr viel angenehmer wäre. (Da bleiben immer noch diejenigen, die wie Nazis denken, fühlen und handeln, ihr Kreuz bei der Wahl allerdings bei SPD, CDU, Linkspartei und Co. machen.)

Sondern weil es richtig ist. Manchmal ist es einfach nötig, den Nazis ihre öffentlichen Auftritte zu vermiesen, um sich danach wieder ungestört der Kritik der Verhältnisse widmen oder einfach nur in Ruhe ein Bier trinken zu können.

So einfach ist das.

Antifaschistische Gruppen Halle (06/2009)

aktuelle Infos auf www.nonazisinhalle.tk


Was ist Wahrheit?
Einführung in die materialistische Kritik.

Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann
eine Veranstaltung der ag antifa im stura der uni halle

Mittwoch, 3. Juni 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Um die Frage, »Was ist Wahrheit?«, zu beantworten, ist es hilfreich, sich zunächst eine andere Frage zu stellen. Denn die Frage, »Was ist Philosophie?«, gibt dem Problem der Wahrheit erst die Grundlage zu deren Antwort. Mit dieser Umformulierung wird eine zentrale Differenz zu gängigen Vorstellungen von Wahrheit benannt: nicht die Wissenschaft, nicht der Wissenschaftler fragen nach Wahrheit: sie interessieren sich allein für die Bedingungen, die das Funktionieren eines gegebenen Zusammenhangs sicherstellen; für sie ist die praktische Verwertbarkeit entscheidend. Dahingegen sind die, die den gegebenen Funktionszusammenhang selbst thematisieren, die also nach einer Wahrheit fragen, die nicht empirisch zutage tritt, sondern die empirischen Tatsachen ihrer Möglichkeit nach erst bedingt, von vornherein als Philosophen definiert.
Umgangssprachlich ist Philosophie heutzutage gleichbedeutend mit Weltanschauung, Ideologie etc. Wer heute »philosophiert« setzt sich dem »Totalitarismusverdacht« aus, ihm wird unwillkürlich »Fundamentalismus « unterstellt. Positiv gebraucht wird der Begriff meist nur, wenn er praktische Banalitäten idealistisch adeln soll: Etwa wenn ein Pressesprecher von der »Philosophie seines Unternehmens« spricht. Fast alle Universitäten leisten sich zwar weiterhin ihre philosophischen Fakultäten bzw. Fachbereiche.
Was sie aber unter dieser Firmierung anbieten, hat mit Philosophie bestenfalls nur insofern etwas zu tun, als hier, oft sehr beredt, über Philosophen und Philosophien schwadroniert wird. Philosophen als solche wird man an den Universitäten nur selten finden und wenn, dann nennen sie sich nicht so: aus berechtigter Angst, sonst ihre Reputation einzubüßen.
Diese aktuelle Geringschätzung der Philosophie zieht sich nicht konstant durch die theoretischen Auseinandersetzungen in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Denn die Philosophie steht nicht nur am historischen Beginn der kapitalistischen Akkumulation an zentraler Stelle, sondern wurde immer wieder zu einer regelrechten Mode, der sich die Zeitgenossen kaum entziehen konnten, zu einer Modeströmung, die, wie es Moden vom Begriff her an sich haben, aber ebenso schnell verschwanden, wie sie aufgekommen waren, um dann eine Zeit später eine Renaissance zu erleben, in der allerdings nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wurde. Diejenigen, die, was aktuell in Mode ist, die Nicht-Befassung mit philosophischen Fragestellungen propagieren, die also im Kern die Frage nach der Wahrheit beiseite schieben, verstehen sich allerdings nicht als bloße Repräsentanten eines gerade vorherrschenden Zeitgeistes. Philosophie hat sich für sie, und das ist historisch neu, von der Sache her erledigt: sei es, weil sich, für sie, Wahrheit als perspektivisch herausgestellt hat, die Wahrheit also die sei, dass es keine eindeutige, allgemeingültige Wahrheit gebe, sei es, dass sich für sie die Frage nach der Wahrheit auf die Frage nach der Praxis reduziert, also zu recht in den Wissenschaftsbetrieb verschoben worden ist. Zuzugestehen ist, dass, wenn die Wahrheit denn offen zutage läge, wenn also zwischen Wahrheit und (realem) Schein, oder wenn zwischen Wesen und Erscheinung – so die gängige philosophische Terminologie – nicht mehr unterschieden werden kann, dann die Frage nach der Wahrheit, und somit die Philosophie als solche, tatsächlich obsolet wäre. Ideologiekritik weist hingegen nach, dass die kapitalistische Gesellschaft so verfasst ist, dass das Erscheinende, dasjenige also, was von den Wissenschaften als Problem erfasst wird, das Resultat einer notwendigen Verkehrung der Wirklichkeit im allgemeinen Bewusstsein darstellt. Die materialistisch gestellte Frage nach der Wahrheit ist somit zu aller erst die Frage nach der historischen Grundlage, aufgrund der diese Verkehrung möglich geworden ist.

Manfred Dahlmann ist Mitarbeiter des ça ira Verlages und der Initiative Sozialistisches Forum in Freiburg assoziiert. Er ist Mitherausgeber der Bücher »Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag« (Freiburg 1995) und »Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag« (Freiburg 2000).

 

Zurück zur Religion.
Durban II als Generalangriff auf den Säkularismus.

Vortrag und Diskussion mit Thomas von der Osten-Sacken
Eine Veranstaltung der ag antifa im stura der Uni Halle / antifa.uni-halle.de

Dienstag, 14. April 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)


Konzentrierten sich islamische Länder und obskure NGO in Durban noch ganz darauf die Konferenz zu einem antisemitischen Großereignis umzugestalten, soll es jetzt in Genf zusätzlich noch den bürgerlichen Freiheitsrechten an den Kragen gehen. Seit Jahren arbeitet etwa die Organisation islamischer Staaten daran, die so genannte Islamophobie international als DEN Sündenfall des Rassismus zu verankern. Wer sich abfällig oder kritisch gegenüber dem Islam, seinem Propheten oder dem Koran äußere übe nicht etwa eine berechtigte Kritik, sondern beleidige religiöse Gefühle und diffamiere Millionen von Menschen. Deshalb seien international Gesetze zu verankern, die solche Kritik unter Strafe stellen sollen. Erst kürzlich hat die UN-Vollversammlung eine entsprechende Resolution verabschiedet. Kommen die islamischen Staaten – fast alle von ihnen sind Diktaturen, in denen das Recht des Einzelnen nichts zählt – mit diesem Vorstoß durch, entscheiden fortan irgendwelche Ulema Mullahs, was Kritik ist und was Beleidigung. Das Recht auf free speech soll so ausgehebelt werden im Namen eines Antirassismus, der inzwischen als Ideologie nur noch gegen die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution ins Feld geführt wird.


Durban II soll nicht nur da anschließen, wo Durban I endete, in der partikularen Verurteilung Israels als Apartheidstaat, der Relativierung des Holocaust und der Aufwertung von Suicide Terror zu legitimen Widerstand, diesmal sollen grundlegende Errungenschaften der Aufklärung selbst rückgängig gemacht werden. Vor allem richtet sich Durban II gegen die Idee einer säkular verfassten Gesellschaft. Über die UN soll die „Re-religiösisierung“ von Gesellschaft und Politik ihre Weihen erhalten.

Thomas von der Osten-Sacken ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation Wadi e.V. Er schreibt u.a. Artikel für „Die Welt“ und „Jungle World“ und ist Mitherausgeber der Bücher „Sadams letztes Gefecht? Der lange Weg in den III. Golfkrieg“ (Hamburg 2002) und „Amerika. Der 'War on Terror' und der Aufstand der Alten Welt“ (Freiburg 2003).

 

Ideologiekritische Konferenz
„Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“

veranstaltet von der Redaktion Bahamas
am Samstag, den 28. Februar 2009
im Kinosaal der Humboldt-Universität Berlin

Unter den Linden 6

Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro

>> zum Einladungstext

>> zum Konferenz-Programm

 

Veranstaltungen im November/Dezember
Das Magdeburger Gefühl – ein Nachruf auf die deutsche Linke

Vortrag und Diskussion
mit Justus Wertmüller und Jan Gerber

Eine Veranstaltung von Salon Bolschewique
und der ag no tears for krauts Halle.

Donnerstag, 18. Dezember 2008, 19.00 Uhr
Im Blow Up
Otto-von-Guericke-Straße 60, Magdeburg

Magdeburg ist nicht nur die heimliche Hauptstadt der Zone – hier verdichtet sich all das, was aus Fernsehberichten über unappetitliche Orte wie Delitzsch, Schocha, Röbel oder Schkeuditz bekannt ist. Auch die Magdeburger Linke ist in ihrer übergroßen Mehrheit eine Art Brennglas der deutschen Linken. Zwar will man in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts weder etwas von „Multituden“ und „Diskursen“ noch von „Gender“, „Critical whiteness“ oder „Dekonstruktivismus“ wissen – ganz zu schweigen von „kritischer“ Solidarität mit Israel. Hier hält die Mehrheitslinke, scheinbar unbeeindruckt von den bundesweiten Debatten, am klassischen Völkerkunde-Antiimperialismus, der Liebe zum Proletariat und der Parole „Tod den Zionisten“ fest. Gerade durch diese plumpe Art verraten die Magdeburger Volksfreunde allerdings immer wieder unfreiwillig, was sich hinter dem aufklärerisch und fortschrittlich daherkommenden Jargon ihrer Hamburger, Düsseldorfer oder Kreuzberger Genossen verbirgt. Die an Butler, Negri, Deleuze, Zuckermann und Co. geschulte deutsche Linke muss sich dementsprechend, wie nach zwei Überfällen auf Veranstaltungen der Israel-Solidarität im letzten Jahr geschehen, in dem Maß von der stumpfsinnigen Haudrauf-Mentalität der Magdeburger Antiimperialisten distanzieren, in dem sie deren Vorgehen gegen die Störer des linken Betriebsfriedens hinter vorgehaltener Hand gutheißt oder zumindest „verstehen“ kann. In diesem Sinn ist das „Magdeburger Gefühl“ auch ein Hamburger, Düsseldorfer oder Kreuzberger Gefühl.

Es sprechen Justus Wertmüller und Jan Gerber. Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“, Jan Gerber ist Mitherausgeber des Buches „Rote Armee Fiktion“ (Freiburg: Ça-Ira-Verlag 2007) und schreibt u.a. regelmäßig für „Bahamas“.

Danach: Die große Reeducation Gala mit Egotronic („Raven gegen Deutschland“, Berlin).

 

„Neustadt Stau - Jetzt geht’s los“
anzuschauen vom 12. bis zum 17. Dezember,

Filmreihe der ag antifa
"German Images - Filme zum postfaschistischen Alltag
"

Kino LaBim (Töpferplan 3, Halle)
Vorführung jeweils um 20 Uhr
Vortrag um 19.30 Uhr

Einleitungsreferat von Christian Uhrheimer (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle)
am 16. Dezember

Der Regisseur Thomas Heise hatte im Jahr 2000 im zweiten Teil seiner Dokumentation jene hallischen Nazis wieder vor die Kamera geholt, die er bereits acht Jahre zuvor in „Stau – Jetzt geht’s los“ beim Saufen, Grölen und Pöbeln gefilmt hatte. Heise wollte mit der Fortsetzung zeigen, wie es um seine ehemaligen Protagonisten zu dieser Zeit stand. Unfreiwillig gelang ihm damit allerdings eine Bestandsaufnahme von Verhältnissen, in denen die Unterschiede von organisierten Nazis und ihren ganz normalen Nachbarn verschwimmen. Es sind Verhältnisse, in denen die Gewalt roh und unvermittelt zutage tritt. Der Film zeigt den tristen Alltag in Halle- Neustadt. Mittlerweile sind die Nazis von gestern älter und auch äußerlich kaum noch von anderen Neustädtern zu unterscheiden. Zu reden sein wird also über ganz alltägliche Gewalt, die sich gegen die eigene Frau, die eigenen Kinder, den Ausländer an der Ecke oder gegen den Nachbarn, der zu laut Musik hört, richtet. „Stau“ bietet Einblicke in eine Gesellschaft, in der ärmliche Gestalten ihr aussichtsloses Leben leben. Sie haben kaum eine Chance auf Verbesserung. Trotz dieser zutiefst menschenunwürdigen Umstände ist Mitleid allerdings nicht angebracht. Denn diese Menschen reflektieren nicht auf ihre Situation. Sie bemühen sich nicht um Einsicht in die irrationalen Verhältnisse. Sie machen dagegen Juden und Ausländer für ihr Unglück verantwortlich. Für sie gilt das Recht des Stärkeren, das sie stets brutal umzusetzen bereit sind. Ein NPD-Parteiausweis ist dabei ebenso irrelevant wie das Bekennen zum „Nazisein“. Dass die Situation hier in der Zone so unangenehm ist, liegt vor allem an jenen ganz normalen Jugendlichen, die so reden, denken und manchmal auch so handeln wie
Nazis.

antifa.uni-halle.de

 

Filmreihe der ag antifa
"German Images - Filme zum postfaschistischen Alltag
"

Kino LaBim (Töpferplan 3, Halle)
Vorführung jeweils um 20 Uhr
Vortrag um 19.30 Uhr

„Herr Wichmann von der CDU“
vom 14. bis zum 19. November zu sehen,
Einleitungsreferat von Sören Pünjer (Redaktion Bahamas, Berlin)
am 18. November

„Bellaria - So lange wir leben!“
läuft vom 28. November bis zum 3. Dezember,
Einleitungsreferat von Tobias Ofenbauer (Cafe Critique, Wien)
am 2. Dezember

„Stau - Jetzt geht’s los“
anzuschauen vom 12. bis zum 17. Dezember,
Einleitungsreferat von Christian Uhrheimer (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle)
am 16. Dezember

zu den Ankündigungstexten..

 

Veranstaltungsreihe gegen Antisemitismus - in Dessau

Dezember 2008
Hochschule Anhalt,
Gebäude 11 (Hardenbergstrasse 11), Dessau

Mittwoch, 3. Dezember, 18.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Steffen Andersch:
„Antisemitismus in Dessau – Schlaglichter zum lokalen Diskurs 1967-1982“

>> zur Veranstaltungsankündigung

Montag, 8.Dezember, 18.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Jan Gerber:
„1968, die RAF und die Neue Linke“

>> zur Veranstaltungsankündigung

Montag, 15.Dezember, 18.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Peter Siemionek:
„Das Netz der Blutsauger: Über ‚Momo‘ und die Reproduktion des
Antisemitismus“

>> zur Veranstaltungsankündigung

 

Im Zeichen der Krise Massenwahn und gewaltförmige Vergleichung in der Warengesellschaft

Vortrag und Diskussion mit Martin Dornis
veranstaltet von der ag antifa

27.11.2008, 19:00 Uhr
im Veranstaltungsraum von Radio Corax
Am Unterberg, Halle

>>zur Aufzeichnung dieser Veranstaltung

In den letzten Wochen wurde das internationale Finanzsystem durch heftige Erschütterungen schwer lediert. Ausgehend von einem Einbruch der Immobiliengeschäfte in den USA stürzten weltweit die Aktienkurse ein. Die Entwicklung von Indizes wie dem DAX und dem Dow Jones ließ bei weitem nicht nur Politikern und Ökonomen weltweit den Atem stocken. Der Durchschlag der Krise auf das alltägliche Leben ist mehr als offenkundig, allenthalben wird über „Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft" gemunkelt. Im Zuge dieser Krise erlebt die staatliche Regulation des Finanzsystems bei weitem nicht nur unter politikfetischistischen Linken eine Hochkonjunktur. Selbst beinharte Neoliberale denken urplötzlich über eine neue Rolle des Staates nach. Finanzexperten der FDP-Bundestagsfraktion entdecken zudem urplötzlich das gute alte Feinbild des „Spekulanten". Der freie Markt wäre eine prima Sache, wenn es nur die „Schnäppchenjäger" nicht gäbe, die einem mit ihrer „Gier" und „Verantwortungslosigkeit" die freie und gesunde Marktwirtschaftssuppe versalzen würden. Die Adresse dieser „Schnäppchenjäger" wird mit schlafwandlerischer Sicherheit in den USA vermutet und gefunden. Die deutsche Bundesregierung frohlockte in Gestalt ihres Finanzminister Steinbrück, dass die führende Rolle der USA nun wohl endgültig vorbei wäre und selbst die Wallstreet jetzt ein völlig anderes Gesicht bekäme. In linkstheoretischen Reflexionen wird einerseits der „ideologische Verarbeitungsprozess" der Krise thematisiert, dabei zurecht auf einen sich zuspitzenden Antisemitismus und Antiamerikanismus verwiesen. Andererseits werden die „realen Fakten" der ökonomischen Krise debattiert. In meinem Vortrag geht es unter strikter Kritik an einem Denken in den Kategorien von Basis und Überbau um beide Seiten in ihrer strukturellen Verquickung. Die tragenden Kategorien der über Warentausch und Kapitalakkumulation global zusammengeschweißten Gesellschaft müssen ihrerseits gedacht werden, um existieren und sich dynamisch entfalten zu können. Ideologie begleitet diese Gesellschaftsform daher von ihrer ersten Minute an. Gleichzeitig ist die Warengesellschaft bereits in ihren Grundeinheiten ein Prozeß der gewaltförmigen Vergleichung von Produkten und Menschen, die per se alles andere denn gleich sind. Damit ist die Möglichkeit der Krise von Anbeginn grundlegend für die bestehende Gesellschaft. In der aktuellen Finanzkrise zeigt sich vor diesem Hintergrund: 1. Der notwendig ideologische Gehalt des Kapitalismus, 2. seine innere Unlogik, 3. die Notwendigkeit, materialistische Gesellschaftskritik vor dem Hintergrund der Krise zu formulieren. Dies muss vor dem Hintergrund des schlimmsten Verbrechens der Geschichte, der deutsch-nationalsozialistischen Massenmordes an den europäischen Juden geschehen. Der damit verbundene Umschlag von Ökonomie in Vernichtung unter der Federführung des direkten staatlichen Zugriffs war die Bewältigung der Krise mit deutschen Mitteln. Materialistische Gesellschaftskritik unter Reflexion auf die Krise muss vor dem Hintergrund von Auschwitz und seiner drohenden Wiederkehr diskutiert werden.

ag antifa im stura der uni halle

 

Der lange Schatten ...

... vom Nazi-Opa?

In Deutschland mag man Juden – vor allem, wenn sie tot sind. Ganz in diesem Sinn gehen die Landsleute mit der gleichen Hingabe und Begeisterung, mit der sie die europäischen Juden einst verfolgt und ermordet haben, nun daran, deren Lebensgeschichten aufzuarbeiten, jüdische Relikte zu pflegen und sich jüdischen Kitsch in die Schrankwand zu stellen. Sobald die wenigen Nachkommen der Überlebenden ihr Schicksal allerdings in die eigene Hand nehmen, sprich: einen eigenen Staat gründen, in dem sie nicht mehr vom zweifelhaften Wohlwollen deutscher Gutmenschen abhängig sind, schlägt die Judenbegeisterung in Aggression um. Hier wird Anne Frank (weil tot) gegen die israelische Armee ins Spiel gebracht, weil sie dafür sorgen will, dass es nie wieder einen „Fall Anne Frank" gibt. Das offizielle Programm zum diesjährigen Gedenken an die Pogromnacht des Jahres 1938 vereint diese Begeisterung für tote Juden nahezu idealtypisch mit dem Angriff auf die Überlebenden und ihre Nachkommen: Zwischen der Ankündigung für einen „Rundgang zu jüdischem Leben" in Halle, der passenderweise am Jüdischen Friedhof beginnt, und einem Gedenktanz der Katholischen Akademie in der Moritzkirche wird ganz selbstverständlich auf eine Ausstellung im Stadtmuseum verwiesen, die bereits durch ihren Titel („Lange Schatten des 9. November?"), den Tag ihrer Eröffnung (den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht) und die Fotografie, mit sie beworben wird, suggeriert, dass die Tradition des 9. November 1938 in der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern aufgegangen ist. Damit kommt die berühmte deutsche Vergangenheitsbewältigung zu sich selbst.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde im gesamten Deutschen Reich der Terror der Nationalsozialisten offenbar. Die Pogrome, bei denen hunderte Juden ums Leben kamen und mehr als die Hälfte aller Synagogen zerstört wurden, läuteten endgültig die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland ein. 70 Jahre später, in einer Zeit also, in der die atomare Auslöschung Israels vom iranischen Präsidenten zur Staatsdoktrin erhoben wurde, in einer Zeit, in der laut einer Umfrage des Forsa-Institutes 23 Prozent der Deutschen latente bis starke antisemitische Einstellungen haben, entdecken nicht nur in Halle Professoren und andere, die im akademischen Betrieb ihr Unwesen treiben, ihr Herz für die „palästinensische Sache". Ihr Engagement gilt als schick, als redlich zumal, und wer etwas auf sich hält im deutschen Kulturestablishment, kritisiert, nicht ohne vorher mit großer Selbstverständlichkeit darauf hinzuweisen, im Prinzip nichts gegen Juden zu haben, Israel für seine „Apartheidspolitik". Zwar konnten bislang weder Maria Nühlen noch Jochen Ehmke, die Macher der Ausstellung „Lange Schatten des 9. November?" im hallischen Stadtmuseum, durch öffentliche Äußerungen dieser größer werdenden Gruppe zugeordnet werden. Ihre Ankündigung zur heute eröffnenden Ausstellung ist jedoch mehr als nur die Eintrittskarte in die „Hall of Shame" (Henryk M. Broder) der Antizionisten.  
Denn wer behauptet, Israel erhebe „Anspruch auf Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt des Landes", ganz so, als hätte die gegenwärtige Ministerpräsidentin Zipi Livni nicht schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Übergabe Ost-Jerusalems als Teil einer Verhandlungslösung von der gegenwärtigen Regierung akzeptiert werden würde, zeichnet genau das Bild, das linke und rechte Antisemiten immer wieder bemühen: nämlich Israel als böser Aggressor und die Palästinenser als arme Unterdrückte, die sich nur eines wünschten: „Frieden" und „Ost-Jerusalem als Hauptstadt" – ganz so, als ob die islamistische Terrorgang Hamas bei den letzten palästinensischen Wahlen nicht die absolute Mehrheit erreicht hätte und deren Charta nicht die restlose Beseitigung Israels von der Landkarte verlange. Ganz so, als hätten die Palästinenser in der Geschichte nicht schon mehrere Male das Angebot auf einen eigenen Staat mit dem Verweis auf den Besitz des „ganzen Landes" ausgeschlagen. Und ganz so, als würde nicht jeder Märtyrer, der sich in einem israelischem Café in die Luft sprengt, als palästinensischer Volksheld beerdigt und von einer Unmenge Menschen unter Gewehrsalven, dem Schwenken grüner Fahnen und dem Ausstoßen von Vernichtungsdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat zu Grabe getragen. Wer diese Realitäten bewusst verleugnet, und wem am propagandistischen Effekt beim Verbreiten von Halbwahrheiten gelegen ist, der steht folgerichtig auch „sprachlos an den Mauern in Ost-Jerusalem", wie Nühlen und Ehmke in ihrer Ausstellungsankündigung versichern. Mauern und Zäune, die volksdeutsche Professoren zwar „sprachlos" machen, die aber in Israel dafür sorgen, dass seit deren Errichtung Selbstmordanschläge, die in den palästinensischen Gebieten von 73 Prozent der Bevölkerung („European Centre for Common Ground") für legitim erachtet werden, signifikant zurückgegangen sind. Nühlen und Ehmke basteln sich ihre Sicht der Dinge, wohl wissend, dass ihr Publikum von solchen in Deutschland gänzlich unbeliebten Wahrheiten genauso wenig wissen möchte, wie sie selbst.
Wer am 9. November, dem Tag der Reichspogromnacht, eine Ausstellung mit dem Titel „Lange Schatten des 9. November?" eröffnet, deren Werbetext und die dazugehörige Abbildung auf nichts anderes schließen lassen, als dass die Palästinenser die neuen Juden seien und damit die Nazis von Gestern in den Israelis von Heute ihren modernen Ausdruck fänden; sprich: dass die Israelis aus dem Holocaust nichts gelernt hätten und nun mit dem Palästinensern genau das täten, was ihnen selbst einst angetan wurde, der kann damit kaum etwas anderes bezwecken, als die Taten des eigenen Nazi-Opas (für Feministen: der Nazi-Oma) zu relativieren. Ganz in diesem Sinn werden die entsprechenden Analogien nicht nur im Ankündigungstext Nühlens und Ehmkes suggeriert. Das Foto, mit dem für die Ausstellung geworben wurde – und mit dem über den Inhalt damit unfreiwillig bereits alles gesagt sein dürfte –, zeigt eine übermächtig erscheinende Mauer mit der Beschriftung „From Warsaw Ghetto to Abu-Dis-Ghetto". Wir wissen zwar, dass an der Hochschule Merseburg, an der Nühlen und Ehmke seit vielen Jahren tätig sind, keine Geschichte gelehrt wird, hoffen aber trotzdem darauf, dass sich in nächster Zeit einmal jemand erbarmen und den beiden Hobbyfotografen den Unterschied zwischen dem Warschauer Ghetto und der palästinensischen Stadt Abu-Dis erklären wird.
Nühlen und Ehmke werden, wie üblich in solchen doch recht pikanten Zusammenhängen, erklären, die Fotografien würden lediglich die Realität abbilden und hätten mit persönlichen Meinungen oder Ansichten dementsprechend nichts zu tun. Dem ist entgegenzuhalten, dass Nühlen und Ehmke nicht die Verfasstheit der palästinensischen Gesellschaft, in der es als ehrenwert gilt, als Suicide Bomber so viele jüdische Zivilisten wie nur möglich zu ermorden, kritisieren. Sie fragen sich nicht, weshalb selbst die als „gemäßigt" geltende Fatah mit den Al-Aksa-Brigaden eine eigene Terrorgruppe unterhält, und sie fragen auch nicht, warum nur eine monströse Mauer Menschen davon abhalten kann, andere zu töten. Auch wundern sie sich nicht, dass kaum einer der israelischen Freunde, die sie mit Sicherheit vorzuweisen haben, sie in den Gazastreifen begleiten möchte. Nein, stattdessen fabulieren sie lieber über „Schikanen an den unzähligen Checkpoints", „neue, israelische Reihenhaussiedlungen im Palästinensergebiet" und „schwerbewaffnete Doppelstreifen israelischer Soldaten".
In Deutschland kommt so etwas immer gut an, denn schließlich meinen 81 Prozent der Bundesbürger, Israel sei die „größte Bedrohung für den Weltfrieden". Es geht ihnen um nicht weniger, als eine Denunziation des Staates der Holocaustüberlebenden, das nach der Erfahrung des Zivilisationsbruchs der Shoa für viele Juden vor allem eines bot und noch heute bietet: Hoffnung auf ein Leben als Jude ohne Verfolgung und Ermordung. Die Lebensbedingungen der Palästinenser sind den Israelkritikern in Wahrheit ebenso egal wie der korrekte Grenzverlauf zwischen Papua-Neuguinea und den Fidschi-Inseln. Der Verweis auf das Leiden der Palästinenser dient lediglich als Alibi; die Israelkritiker sind, wie Broder einmal formuliert hat, vielmehr „dankbar für die Möglichkeit, [ihre] Ressentiments in einer politisch korrekten Form auszuleben".  

ag „no tears for krauts" halle,
9. November 2008

 

Becketts Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen

Vortrag von Gerhard Scheit.
veranstaltet von der ag antifa im stura der Uni Halle.

Montag, 27. Oktober 08, 19 Uhr
Melanchthonianum,
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Bei Beckett sind die Eltern von Hamm gut in den Haushalt integriert, sie leben in den Mülltonnen, und hebt Hamm den Deckel ab, sagt er nur: »Seid ihr noch nicht zu Ende? Kommt ihr nie zu Ende?« Die Kulturindustrie macht immer weiter: Der Vater von Carrie aus der US-Sitcom King of Queens haust im Keller, aus dem er wie von einer Mülldeponie vergangener Moden seine Pullover holt. Der Unterschied ist nur, dass jeder Mann, jede Frau, mit Doug und Carrie sich identifizieren kann, nicht aber mit Hamm und Clov. Für ständige Abwechslung im Immergleichen ist gesorgt, beim Pullover-Muster wie in den Beziehungskonflikten. Während das Endspiel die Deformationen vorführt, »die den Menschen von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden« (Adorno), üben die US-Sitcoms durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren, zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind. Diese Dialektik der Aufklärung kommt bei Adorno und Horkheimer merkwürdigerweise zu kurz. Dabei ist kein Jota ihrer Kritik an der Kulturindustrie zurückzunehmen und jede Deformation als solche zu denunzieren. Nur wäre zu fragen, ob nicht schon in der Formulierung des Begriffs der Frage des Staats zugunsten einer diffusen Vorstellung von Macht ausgewichen wird, und dadurch ungeklärt bleibt, auf welche Weise die Konsumenten der Kulturindustrie sich jeweils mit politischen Instanzen identifizieren; ob also nicht die Kritik des Staats auf dem Gebiet der Kulturindustrie erst noch zu eröffnen wäre. Für die postnazistische Situation könnte das etwa heißen, Doug und Carrie aus Queens den deutschen Paaren gegenüberzustellen, die als Tatort-Ermittler in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ihr Unwesen treiben.

Gerhard Scheit lebt als Autor und Publizist in Wien. Zuletzt erschien: »Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt« (Freiburg 2004) und »Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth« (Freiburg 2006) . Mitherausgeber der neuen Werkausgabe von Jean Améry (Stuttgart 2002ff.) und Mitautor des von Karin Lederer herausgegebenen Buches »Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie – vom Tatort zur Matrix« (Berlin 2008), das bei gleicher Gelegenheit vorgestellt werden soll.

 

Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Kritik versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität." online

Mit etwas Verzögerung stellen wir nun einen Mitschnitt der im Juni 2008 stattgefundenen Veranstaltung "Kritik versus Realpolitik? Die Zukunft der Israelsolidarität." online. Auf dem Podium diskutierten Stephan Grigat und Justus Wertmüller. >> zum Download

Im August veranstaltet die ag antifa im stura der uni halle einen Vortrag.
Horst Pankow wird unter dem Titel „Wir sind Dalai Lama." Ein Mönch und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger referieren. >> zur Ankündigung

Dienstag, 12. August 08, 19 Uhr
Radio Corax: Veranstaltungsraum
Unterberg 11 (Nähe Universitätsplatz), Halle (Saale)

>>zum Mitschnitt des Vortrags: Wir sind Dalai Lama. Ein Mönch und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger. von Horst Pankow
 

Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie
mit Philipp Lenhard veranstaltet von der ag antifa im StuRa der Uni Halle

Wochenendseminar am 25. und 26. Juli 08 - Anmeldung erforderlich!

Antikapitalismus ist in Deutschland en vogue. Sozial- und Christdemokraten sind sich mit Linkspartei und NPD einig, dass der „Raubtierkapitalismus“ (Helmut Schmidt) vom Staat gezähmt und in eine Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz, d.h. staatlicher Regulation und Drangsalierung, verwandelt werden müsse. Das alte deutsche Ressentiment gegen die abstrakte Gleichheit und Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft, das sich in den Reden und Pamphleten von Politikern, Pfaffen und NGOs austobt, zielt darauf ab, die Welt wieder zu einem überschaubaren und natürlich eingerichteten Ort zu machen, an dem niemand mit der Freiheit zu denken konfrontiert wird und ganz darin aufgehen kann, Exemplar einer urwüchsigen Gemeinschaft zu sein.
Mit solchem Antikapitalismus hat Marx’ Kritik der politischen Ökonomie nichts gemein – sie ist sein gerades Gegenteil. Marx kritisiert das Kapital als ein automatisches Subjekt, das sich – obgleich dem Handeln von Menschen entsprungen – durch sie hindurch reproduziert und ihnen seine eigentümliche Logik aufherrscht. Das Kapital ist damit eine Verkehrung von Subjekt und Objekt, insofern es die unter es subsumierten Individuen als aus freiem Willen entscheidende nur simuliert, während in Wahrheit das Kapitals selbst das Subjekt der Geschichte ist. Um diesen Skandal zu beenden und die Menschen im Geiste der Aufklärung zu Herren ihrer eigenen Geschicke zu machen, hat Karl Marx vor etwa 150 Jahren ein Buch geschrieben, das noch heute die beste Kritik der kapitalistischen Gesellschaft in ihren Grundzügen darstellt. Aus diesem Grund lohnt es sich nach wie vor, es zu lesen und zu diskutieren.
Im Seminar sollen Struktur und Begrifflichkeiten des ersten Kapitels des ersten Bandes des Kapitals erklärt und gemeinsam erarbeitet werden, um – mit den Grundbegriffen ausgerüstet – das Studium des Kapitals und die Kritik des Kapitals in Eigenregie fortführen zu können. Dabei liegt die Betonung auf der Textlektüre, weil erst ein gewisses Maß an genauer Textkenntnis den Raum für verschiedene Lesarten öffnet.
Philipp Lenhard, freier Autor aus Köln u.a. für Bahamas und Prodomo, wird das Seminar leiten und dabei darauf achten, dass der Gesamtkontext des Werkes nicht aus den Augen verloren wird. Er hat zwar nicht auf jede Frage eine Antwort, meint aber, dass es wichtiger ist, die entscheidenden Fragen zu stellen. Das Ziel des Seminars ist es also nicht, am Ende „Bescheid zu wissen“, sondern kritisch gedacht zu haben. Denn nur die Kritik – und das ist der keineswegs zufällig im Untertitel des Kapitals auftauchende zentrale Marx’sche Begriff – geht aufs Ganze: sie fordert die Abschaffung jeglicher Herrschaft und Ausbeutung.

Eine Anmeldung ist erforderlich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist (agantifa@googlemail.com). Ein Reader wird rechtzeitig vor der Veranstaltung ausgegeben

 

Der Geist als Beute.
Über die bandenmäßige Reorganisation der deutschen Universitäten.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue.
veranstaltet von der ag antifa im stura der Uni Halle.

Mittwoch, 2. Juli 2008
Beginn bereits 18.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Die Universität, heißt es, drohe sich dem kapitalistischen Markt auszuliefern, zum Job-Center zu werden und soziale Ungleichheiten stärker als je zu perpetuieren. So abstrakt gesprochen ist das alles nicht falsch, betrachtet man aber die konkreten Formen, in denen sich solcher Protest artikuliert, und vergleicht sie mit den Arbeitsweisen, die sich innerhalb der Uni als „Cluster”, Graduiertenkollegs usw. herausbilden, stellt man bald fest, daß die universitäre Verwaltung und der studentische Protest sich gar nicht so feindlich gegenüberstehen, wie es den Anschein hat. Tatsächlich fürchten sie alle nichts mehr als das, was unter dem Namen des freien Marktes wahrhaft verstanden werden könnte: die Konkurrenz der Gleichen, bei der sich tatsächlich diejenigen mit dem differenziertesten geistigen Profil durchsetzen könnten. Ersehnt wird statt dessen: Protektion, autoritäre Herzenswärme, universitärer Gemeinschaftsgeist – kurz, der böse Vater soll nicht überwunden, sondern durch den guten Papa ersetzt werden, als den Studierende wie Lehrende sich ihre Alma Mater wünschen. Die Massenuniversität, in der jeder sich gegen einen anonymen Verwaltungsapparat behaupten muß, wird dabei transformiert zum Racket, das zwar noch grausamer gegen den Einzelnen ist, dafür aber umso mehr gütigen Gemeinschaftsgeist aufbringt. Wie das sich im Alltag reflektiert, soll der Vortrag anhand so unappetitlicher Dinge wie Examensfeiern und Uni-T-Shirts, vor allem aber anhand der

Protestformen einer ‚jungen’ Generation studentischer Aktivisten untersuchen, denen die Uni vor allem eines zu sein scheint: ein a priori feindlicher Raum, den man besetzen und verschandeln muß, um sich wohl zu fühlen. Magnus Klaue lebt und arbeitet in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig in der Zeitschrift „konkret”.

 

Kritik versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität.

Podiumsdiskussion mit Stephan Grigat und Justus Wertmüller.
veranstaltet von der ag antifa im stura der uni halle

Montag, 16. Juni 08, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Die materialistische Kritik an der Volks- und Staatsbegeisterung der deutschen Linken, die seit dem Ende der achtziger Jahre formuliert wurde, war stets mehr als eine allgemeine Staatskritik. Im Unterschied zur autonomen Linken, die „Feuer und Flamme für jeden Staat“ forderte und dabei zuallererst an Israel dachte, betonte sie den Unterschied. Denn auch wenn der Staat stets der „Staat des Kapitals“ (Johannes Agnoli) ist, ist Staat eben nicht gleich Staat. Während Israel als Reaktion auf die Barbarei einer in Staaten eingeteilten Welt gegründet wurde, wurde Deutschland spätestens mit Auschwitz zur Avantgarde dieser Barbarei. Angesichts dieser Erkenntnis fielen die Solidarität mit Israel, die Kritik am Kapitalismus, an Deutschland und seinen geistig-moralischen Verbündeten in eins.
Inzwischen ist Israel nicht mehr „nur“ durch die konventionellen Armeen seiner Nachbarstaaten, den Terror der diversen islamischen Gangs und die Ungunst der „internationalen Staatengemeinschaft“ bedroht. Der Iran, dessen Führung die Vernichtung Israels zum Staatsziel erhoben hat, ist auf dem besten Weg zur Atommacht. Europa übt sich gegenüber dem Mullah-Regime derweilen in Appeasement. Vor diesem Hintergrund greift ein Teil der Israelsolidarität auf die lange Zeit verpönte Kampagnen- und Kongresspolitik zurück und sucht seine Bündnis- und Ansprechpartner in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft: Bei mehreren israelsolidarischen Konferenzen, bei denen die iranische Bedrohung thematisiert wurde, wurde gefordert, endlich auf das Theoretisieren zu verzichten und zu „knallharter Realpolitik“überzugehen.
Vor diesem Hintergrund diskutieren Stephan Grigat und Justus Wertmüller über die Zukunft der Israelsolidarität. Sie fragen: Ist die Kampagnenpolitik Ausdruck des Niedergangs der Israelsolidarität oder ihre Reproduktion auf einer höheren Stufe? Löst sich die Israelsolidarität im Rahmen der aktuellen Kampagnenpolitik von der Kritik? Verwandelt sich Deutsch-Europa also vom Gegenstand der Kritik in einen positiven Ansprechpartner? Ist die israelsolidarische Politikberatung nach dem Liberalismus das nächste Ticket für den Marsch in die ?Mitte der Gesellschaft“? Oder wird es angesichts der existenzbedrohenden Situation, in der sich Israel befindet, nicht tatsächlich Zeit, Kompromisse zu machen und sich in die Realpolitik einzumischen?

Stephan Grigat (Wien) ist Mitbegründer der Kampagne „Stop the Bomb“, Mitherausgeber des Buches „Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer (Studienverlag 2008) und gehört zur Gruppe „Café Critique“; Justus Wertmüller (Berlin) ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“.

Kritik vs. Realpolitik
Weiterleitung der Ankündigung erwünscht. Um das Webbanner in eure Website zu integrieren könnt ihr diesen html-Code benutzen:
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Wenn die Partei das Volk entdeckt. Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur

Vortrag von Birgit Schmidt
veranstaltet von der ag antifa im stura der uni halle

Fr. 25. April 2008, 18.30 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Volksfront – Mit diesem Begriff verbinden die meisten Menschen ein lange erwartetes und für dringend notwendig erachtetes, gemeinsames Vorgehen gegen den Nationalsozialismus und sehen ihn von daher ausschließlich positiv. Tatsächlich aber forderte die Volksfrontideologie, die für alle organisierten Kommunisten ab 1935 obligatorisch zu befolgende Parteilinie war, unverbrüchliche Treue gegenüber der jeweiligen Außenpolitik der UdSSR, was unter anderem bedeutete, dass deutsche Kommunisten nach dem Spätsommer 1939 nicht mehr gegen den Nationalsozialismus – durchgängig Faschismus genannt – agitieren durften, und dass die in Moskau exilierte KPD-Spitze 1940 von den angeblich weniger gefährdeten „einfachen“ Kommunisten in Frankreich verlangte, nach Deutschland zurückzugehen bzw. sich der Gestapo zu stellen. Erst mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion rückte der Nationalsozialismus wieder in den Focus kommunistischer Aufmerksamkeit.
Deutsche Volksfront – das bedeutete auch die ständig wiederholte Behauptung, dass das gesamte deutsche Volk als Gesamtheit – mit Ausnahme des „Monopolkapitals“ - unter der „Hitler-Diktatur“ leide und sie bekämpfe. Wer mit diesen inhaltlichen Vorgaben seine Schwierigkeiten hatte, sie gar bezweifelte und/oder kritisierte, geriet nach 1949, ganz besonders während der frühen fünfziger Jahre, in Widerspruch zu Partei- und Staatsapparaten, denen nicht an der Debatte, sondern an fügsamen Staatsdienern gelegen war. Die Verfolgungswelle gegen die sogenannten (ehemaligen) Westemigranten, bei denen es sich tatsächlich um kritischere Kommunisten handelte – so hatte sich die in Mexiko exilierte KPD-Gruppe von der deutschen Bevölkerung wegen ihrer antijüdischen Verbrechen losgesagt – hatte ihren Ursprung in der Volksfront.
Dass Schriftsteller/innen wie Anna Seghers, Bodo Uhse und Ludwig Renn trotz ihrer KPD- und späteren SED-Mitgliedschaft mit der Staatsideologie der DDR zwangsläufig kollidieren mussten, hat Birgit Schmidt in ihrer Dissertation Wenn die Partei das Volk entdeckt aufgezeigt. Heute Abend wird sie erneut die Frage nach dem Zusammenhang zwischen (deutsch)nationaler Volksfrontideologie und der Verfolgung von Menschen stellen, die jüdisch und/oder homosexuell waren, auf jeden Fall mehrsprachig, weitgereist und kritisch, - kosmopolitisch also, wie der Vorwurf letztlich lautete.

Birgit Schmidt veröffentlichte zuletzt „Freundliche Frauen. Eine Kritik an der Juden- und Frauenfeindlichkeit des esoterischen Feminismus“ und „Kein Licht auf dem Galgen. Ein Beitrag zur Diskussion um KPD/SED und Antisemitismus“.

 

Schwulenhaß und Männerbund. Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang

Vortrag von Tjark Kunstreich
veranstaltet von der ag antifa im stura der uni halle

Di.01.April 2008, 19.oo Uhr
Radio Corax (Veranstaltungsraum)
Unterberg 11, Halle (Nähe Universitätsplatz)

Wenn sich niemand mehr wundert, dann stimmt etwas nicht: An der Musik kann es nicht liegen, daß deutscher Sprechgesang zur beliebtesten Stilrichtung unter männlichen Jugendlichen geworden ist. Die Einfallslosigkeit der Samples, die Stereotypie der Pose, der immergleiche Sprechrhythmus, mit dem sich deutsche Rapper gegen den Flow und den Sprachwitz amerikanischer Rapper abgrenzen wollen, indem sie noch männlicher, d.h. unmusikalischer daherkommen, leben schon längst mehr von Street-credibility, also der Beschränktheit der Instrumente wie des eigenen Geistes, sondern von scheinbarer Provokation.
Die Inhalte dieser Provokation der deutschen Bürgerwelt sind hinlänglich bekannt: Schwulenhaß und Frauenverachtung, Rassismus und Antisemitismus, Antiamerikanismus und eine merkwürdige Affinität zum Islam. Allerdings sind gerade letztere zu Provokation in Deutschland kaum geeignet, weil das Ressentiment den allgemeinen Geisteszustand kennzeichnet. Gegen Schwulenhaß und Frauenverachtung im deutschen Sprechgesang protestieren jedoch viele, von Claudia Roth bis zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland: Das will man doch lieber dem Iran und anderen Ländern überlassen, bei denen man sich damit beruhigen kann, daß es sich bei Gepflogenheiten wie Steinigungen um kulturelle Eigenheiten handele.
Weil das eine Ressentiment geteilt wird und das andere nicht etwa verurteilt würde, weil es menschenverachtend und antizivilisatorisch ist, sondern schlicht, weil man zwar so denken, aber nicht so sprechen dürfe, also weil es nicht politisch korrekt formuliert wird, erscheint es in der öffentlichen Debatte so, als seien die schwulen- und frauenfeindlichen Texte deutscher Rapper Ausfälle einer ansonsten kommoden Subkultur. Die zur Eingrenzung dieser Ausfälle unternommenen Bemühungen erinnern nicht zufällig an die akzeptierende Sozialarbeit mit Nazis, deren Erfolg darin bestand, das Nazitum zur Alltagskultur zu machen.
Was aber, wenn es sich, ähnlich wie bei den Zonen-Nazis der neunziger Jahre, nicht um Irregeleitete handelt, sondern um Überzeugungstäter? Wenn es tatsächlich nicht um die Musik, sondern um die Botschaft geht? Der Schwulenhaß und die Frauenverachtung sind nicht zufällig mit zivilisationsfeindlicher Ideologie verbunden: die Frauen- und Schwulenemanzipation sind ja nicht zuletzt ein Resultat der Zivilisation. Und an die, die der Zivilisation etwas zu danken haben, heftet sich der Haß derer, die von sich meinen, zu kurz gekommen zu sein und immer übers Ohr gehauen zu werden. Kurzum: Deutscher Hiphop ist wegen der Haß-Texte erfolgreich und nicht wegen der Musik. Auf den Konzerten treffen sich männliche Jugendliche mit der Sehnsucht nach dem Männerbund, die auch ansonsten für klare Verhältnisse sind. Die Männlichkeit, mit der sie imponieren wollen, ist so hohl, daß sie Schwule und Frauen, die für eine unbekannte Verheißung stehen, hassen müssen. Und sie glauben dem, der ihnen das erzählt.
Der Männerbund, das wußten schon die Vertreter der Kritischen Theorie nach ihrer Studie über Autorität und Familie, ist die Keimzelle autoritärer Herrschaft. Das Bedürfnis nach einfachen Herrschaftsverhältnissen, wie sie in Banden und Gangs vorherrschen, korrespondiert mit einer Homophobie, die das gleichgeschlechtliche Verlangen im eingeschlechtlichen Zusammenhang leugnen und nach außen projizieren muß.

Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist. Er hat u.a. für den von Renate Göllner und Ljiljana Radonic herausgegebenen Sammelband „Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ (Freiburg: Ca-Ira-Verlag) einen Beitrag über den Zusammenhang von Männerbund und Homophobie verfasst.

Interview mit Tjark Kunstreich bei Radio Corax 01.04.2008 [freie-radios.net]
Vortrag von Tjark Kunstreich [in 5 Teilen]
 

Vortrag von Stephan Grigat
Die iranische Bedrohung und die Kampagne STOP THE BOMB
Bündnis gegen das iranische Vernichtungsprogramm

„Die OMV begegnet ihren Geschäftspartner auf gleicher Augenhöhe. Schließlich entspricht der Respekt vor Mensch und Umwelt unseren ethischen Prinzipien.“ Diese Botschaft verkündete das zu über 30 Prozent in Staatsbesitz befindliche österreichische Unternehmen im September in ganzseitigen Inseraten in österreichischen Zeitschriften. Dieser Respekt scheint momentan vor allem den islamischen Misogynikern, Schwulenmördern und Antisemiten in Teheran zu gelten, nicht ihren Opfern. Ansonsten ließe sich schlecht erklären, wie das geplante 22-Milliarden-Euro-Geschäft mit dem Iran, das gemeinsam mit den Milliardengeschäften der deutschen Wirtschaft das Bündnis mit dem iranischen Apokalyptiker-Regime weiter befestigen würde ,zu den „ethischen Prinzipien“ des Unternehmens passt. weiter lesen..

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Mitherausgeber des Bandes "Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer", der im März 2008 im Studienverlag erscheint, und Autor von "Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus" (ça ira 2007). Er gehört zu der Gruppe Café Critique und hat die Initiative STOP THE BOMB – Bündnis gegen das iranische Vernichtungsprogramm mitinitiiert.

Der Vortrag wurde im Rahmen einer Infokampagne am 8. Februar 2008 von ak antifa potsdam veranstaltet.

Vortrag von Stephan Grigat bei ak antifa potsdam [20mb|30min]
 

Die Dialektik von Einheit und Differenz. Über Ursprung und Geltung des Pluralismusprinzips in den Vereinigten Staaten von Amerika

Buchvorstellung und Diskussion mit Sebastian Voigt

Conne Island - Koburger Str. 3, Leipzig
Di. 26.02.2008, 19:00 Uhr

Amerika ist bis heute eine terra incognita im europäischen Bewusstsein. Der Hass auf die Moderne ist meist mit einem starken Antiamerikanismus verbunden. Historisch war Amerika jedoch oft der einzige Fluchpunkt für politisch Verfolgte in Europa. Für Millionen Einwanderer, die vor einer desperaten sozialen Situation flohen, bot es die Möglichkeit eines Neuanfangs. Aufgrund der bis heute anhaltenden Einwanderung haben sich spezifische politische Strukturen herausgebildet, die es als Nationalstaat von europäischen unterscheiden. Hierzu gehört auch ein inklusives Verständnis der Staatsbürgerschaft, das immer wieder neu aushandeln muss, was es bedeutet „Amerikaner zu sein“. Amerika hat sich zur bürgerlichen Gesellschaft par excellence entwickelt und es steht paradigmatisch für eines der zentralen Probleme der Moderne: der Dialektik von Einheit und Differenz.
Dies soll im Vortrag anhand deutscher Revolutionäre im 19. Jahrhundert demonstriert werden, die in Amerika zu „verlässlichen und konservativen Bürgern“ (Carl Schurz) wurden. Viele Revolutionäre vertraten eine dezidiert pro-amerikanische Haltung und einige forderten gar den Einmarsch amerikanischer Truppen in Europa, um die feudalen Verhältnisse ein für allemal auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern.
Am Beispiel der jüdischen Einwanderung wird die Diskussion nachgezeichnet, die sich zwischen den beiden Polen Schmelztiegel und kultureller Pluralismus bewegte, und die für die aktuellen Debatten in Europa über Migration, Integration und Assimilation einen großen Erkenntniswert besitzt.

Interview mit Sebastian Voigt bei Radio Corax 26.02.2008 [freie-radios.net]
 

Der Prophet des schlechten Lebens.
Über Gandhi und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger

Vortrag von Peter Siemionek

Melanchthonianum - Universitätsplatz, Halle
Mi. 30.01.2008, 19.00 Uhr

veranstaltet von der ag antifa im stura der uni halle

Am 30. Januar 1948 starb Gandhi bei einem Attentat in Delhi. Von seinen Anhängern als Mahatma (dt. „große Seele“) gefeiert, gilt der greise Friedensstifter auch 60 Jahre nach seinem Tod als fraglose moralische Autorität und wird als einer der Urväter des Pazifismus gehandelt. Mit den Schüssen des Attentäters segnete Gandhi zwar für immer das Zeitliche, seine Ideologie hingegen erlebt in jüngster Zeit nicht nur unter dem Label der No-Globals eine bemerkenswerte Renaissance.

In der Bundesrepublik ist es vor allem das zweifelhafte Verdienst der Neuen Linken, Gandhis Weltanschauung ins neue Jahrhundert gerettet zu haben. Die Tradition des von Gandhi vertretenen zivilen Ungehorsams, bei der man sich direkt auf den „Prediger der Gewaltlosigkeit“ (Oskar Lafontaine) bezieht, reicht dabei in Deutschland von den 68er Sit-ins bis zu den 2007er Blockaden des G8-Gipfels. Doch Gandhi ist keinesfalls ausschließlich das Vorbild linker Gipfelstürmer und ihrer sozialdemokratischen Sympathisanten. Wenn die Bildzeitung eine groß angelegte Plakatkampagne mit einem Gandhi-Foto und dem Slogan „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht!“ einleitet, lässt sich daran vor allem auch eines ablesen: In dem Maße, in dem sich die deutsche Bevölkerung in ihrer Gesamtheit zunehmend friedensbewegt und antiimperialistisch geriert, gewinnt auch Gandhis Ideologie an steigender Attraktivität.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich auch in der Neuen Rechten immer häufiger positive Bezugnamen auf Gandhi finden lassen, und Horst Mahler beispielsweise von seinen Kameraden fordert: „Von Mahatma Gandhi lernen!“ Was die Gandhi-Freunde von rechts bis links eint, ist der Traum vom „einfachen Leben“, den auch ihr Vorbild träumte. Gandhi bietet dabei alles, was das zivilisationsfeindliche Herz höher schlagen lässt. Seine Ideologie bedient die Sehnsucht nach der regressiven Wärme des Kollektivs ebenso, wie den Wunsch, sich für eben dieses Kollektiv mit dem Leben zu opfern. Sie offenbart ein organisches Gesellschaftsverständnis und bietet mehr als genügend Anknüpfungspunkte für rechte Völkerfreunde und linke Kulturrelativisten. Dass Gandhi zu keinem Zeitpunkt etwas Emanzipatorisches anhaftete – dass sein ganzes Leben und Wirken also ein konsequenter Abgesang auf Freiheit, Glück und Lust war –, und dass es weder Zufall, noch Strategie zur Vereinnahmung linker Ideen ist, wenn sich auch Nazis positiv auf ihn beziehen, soll der Vortrag erläutern.

Peter Siemionek ist im Diskussionskreis „Materialien zur Aufklärung und Kritik“ assoziiert und hat einen Artikel über Gandhi in der Zeitschrift Bahamas veröffentlicht.
Peter Siemionek: Mahatmas Moral und Gandhis Masochismus. Der indische Weg und sein Beitrag zur Globalisierung der Fortschrittsfeindlichkeit In: Bahamas 53/2007

Interview mit Peter Siemionek bei Radio Corax 29.01.2008 [freie-radios.net]

 

 

 
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